Nicht nur Elleanor lernt indessen ihr fremdes Volk verstehen, auch Oras eigene Einsichten wachsen über den Standpunkt der energischen jungen Pfadfinderin hinaus, den sie anfangs einnimmt. Sie erfährt etwas, was für alle jungen Menschen nicht nur in Israel wichtig ist; daß man nämlich seinen eigenen Weg mit Selbstbewußtsein und Überzeugungstreue gehen muß und gleichwohl Verständnis für andere Menschen und Lebensformen aufbringen kann. Sie lernt deshalb nicht nur Elleanor begreifen, die unter der mondänen Verpackung eine gute Portion handfester Tüchtigkeit verbirgt, sondern auch die deutschen Einwanderer, die manchmal in die alte Heimat zurückkehren, die ältere Generation, die wie ihr Großvater an religiösen und patriarchalischen Traditionen festhält, und überhaupt all die vielerlei Schwierigkeiten, die Menschen aus so verschiedenen Welten und mit so mannigfachen und oft schweren Erinnerungen in ihre neue Heimat bringen.

Mag Rusia Lampels Erzählungsweise dabei auch manchmal die Möglichkeiten des Tagebuchs im strengen Sinne überschreiten, Oras Gedanken und Erfahrungen gehen niemals über das einer Sechzehnjährigen Faßbare hinaus.Im Mittelpunkt bleibt das Leben ihrer Familie und die Beziehung zu ihrer ungemein klugen und warmherzigen Mutter. Daß mit der Verlobung von Oras älterer Schwester und Oras eigener bewundernder Liebe für einen Pfadfinderkameraden auch diese Seite des Mädchenlebens nicht ausgeklammert wird, versteht sich in diesem so lebensvollen Mädchenbuch fast von selbst.

Was diesen oft sehr spannenden Tagebuchbericht über einen Sommer aber zu einem der besten Mädchenbücher dieses Jahres macht, ist weder das reiche Informationsmaterial über Israel, das er bietet, noch die Natürlichkeit, mit der hier ein Familienleben geschildert wird, so wichtig beides auch sein mag.

Das eigentlich Exemplarische des Buches ist vielmehr, daß es hier einer Autorin gelungen ist, ein Mädchenbuch mit seinen ganz spezifischen Problemen zu schreiben, und daß diese Probleme doch mit denen der ganzen Gesellschaft verknüpft werden, in denen sich das individuelle Dasein entfaltet.

Wie groß diese Leistung ist, wird erst klar, wenn man sich vorzustellen versucht, wie ein Buch aussehen müßte, das eine ähnliche Breite der Darstellung im bundesdeutschen Milieu versuchte. Gewiß wäre das hierzulande schwerer, weil die Tatsachen und das Bewußtsein von ihnen weniger leicht zur Deckung zu bringen wären. Gerade bei den Autorinnen von Mädchenbüchern spuken wie bei allen, die sich mit Frauenfragen beschäftigen, noch allzu häufig überlebte Ideologien von der Natur und vom Wesen der Frau. Rusia Lampel ist von ihnen unbeschwert. Darum ist ihre Ora zwar ein ganz weibliches Wesen, aber doch durch und durch eine moderne Figur.