Von Heinz Josef Herbort

Vor zehn Jahren, am 30. November 1954, starb Gustav Heinrich Ernst Martin Wilhelm Furtwängler in Baden-Baden an eher Lungenentzündung. Sein Tod erschütterte eine ganze musikalische Welt – eine Welt, die eigentlich nicht mehr die seine war. Sein Bild stand und steht für eine Epoche, für ihre Ästhetik, für ihre besondere Art, die Welt zu sehen und den Künstler in ihr, s:eht auch für ein missionarisches Selbstverständnis des Künstlers, wie es ähnlich nicht mehr wiederholbar erscheint.

Dieses Bild hat Furtwängler selbst von sich gezeichnet, in seinen Konzerten und ihren Aufnahmen, in seinen Kompositionen, in seinen Schriften. Das Bild haben andere gedeutet, Dr. Berta Geissmar, seine erste Sekretärin, und Curt Riess, beide nicht unwidersprochen vom Künstler selbst, Friedrich Herzfeld, Walter Riezler, Ludwig Curtius, die in ihren Erinnerungen Details hinzufügten, Verbindungen zogen, versuchten, die Polarität in der Persönlichkeit des großen Dirigenten and die Wirkung, die von ihm ausging, zu umschreiben.

Ein ähnliches Ziel verfolgt auch die Sammlung

Wilhelm Furtwängler: "Briefe", herausgegeben von Frank Thiess; Verlag F. A. Brockhaus, Wiesbaden; 327 S. 16,50 DM,

in der aus sechzig Jahren zwischen 1894 und 1954 dreihundert Briefe Furtwänglers zusammengestellt wurden – als ein Versuch, ein "möglichst umfassendes Bild von der geistigen Entwicklung der Persönlichkeit Wilhelm Furtwänglers zu geben".

Also keine kritische Gesamtausgabe oder dergleichen. Thiess’ Buch ist weder kritisch noch umfassend. Thiess wählte aus. Wie wählte er aus? Thiess mischte das mehr Private mit dem Offizielleren – das Private überviegt: Der Mensch und Künstler Furtwängler steht im Vordergrund, der Verwaltungsmann oder Programmatiker Furtwängler tritt weit zurück. Thiess suchte nicht den Proporz der Jahre – ein kaum erreichbares Ziel. Zuviel ging verloren – oder paßte es nicht ins Konzept?