Nr. 1/50 und die 5095 Tage – Notizen aus dem ungeschriebenen Tagebuch eines freigekauften DDR-Häftlings (II) / Mitgeteilt von Werner Höfer

"Nach dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Jahre 1956 hatte Chruschtschows Entstalinisierung zunächst auch vorteilhafte Auswirkungen für mich. Ich kam, für einige Wochen aus der totalen Isolierung heraus in eine Gemeinschaftszelle mit sieben anderen Gefangenen. Dennoch nahm ich nicht an, der Weltkommunismus würde mit der Entstalinisierung sich selber den Lebensnerv töten und etwa keine Spitzel mehr bis in jede kleinste Gemeinschaft hineinschicken.

Hier, in der Gemeinschaftszelle, widerfuhr mir jedoch ein Mißgeschick: Ich tippte auf den Falschen. Der Mann, den ich für den Spitzel hielt, weil seine angegebene Vergangenheit sich als eine einzige Lüge herausstellte, war offensichtlich nur ein ‚Spinner‘. Die gebotene Vorsicht gegenüber dem wirklichen Spitzel, einem aus der Lutherstadt Wittenberg stammenden Graphiker namens Karl Zippler, nach der Entlarvung später nur noch ‚Zinkler‘ gerufen, wurde vernachlässigt. Zu spät waren wir dahintergekommen, daß dieser wirkliche Spitzel eine bemerkenswerte Karriere als SED-Funktionär durchlaufen hatte. In sowjetischer Kriegsgefangenschaft als Antifa-Repräsentant hervorgetreten und auf der Antifa-Schule in Moskau geschult, war entdeckt worden, daß er dem Regime als ergebener Graphiker äußerst nützlich sein könnte. Nach außen hin zum Oberst der Volkspolizei ernannt, wurde er in Halle an der Saale mit der Leitung einer Geldfälscherwerkstatt beauftragt, um, ähnlich vergleichbaren Institutionen in Hitlers Konzentrationslagern, englische Pfundnoten herzustellen.

Bei diesem Geschäft muß Zippler der Gedanke gekommen sein, insgeheim auch einmal auf eigene Rechnung und Gefahr bei Ausflügen durch Westberliner Bars die Absatzchancen seiner Pfundnoten zu ‚testen‘. Der Versuch ging daneben und endete mit der Verurteilung durch das amerikanische Militärgericht in Berlin. Dort wieder sofort bemüht, sich zu ‚bewähren‘, übernahm dieses Subjekt den Auftrag, jetzt als Graphiker umgekehrt sowjetzonale Ausweise herzustellen. Es gelang nicht, aus ihm herauszubekommen, wie anschließend die ,Staatssicherheit‘ es fertigbekam, ihn doch wieder aus Westberlin herauszulocken, ihn zu verhaften und zu fünfzehn Jahren Zuchthaus zu verurteilen. Ein Jahr später, als ich schon längst wieder in Isolierung war und kaum noch an dieses ‚Früchtchen‘ dachte, erfuhr ich im Verlauf eines Verhörs mit anschließendem 21tägigen verschärften Arrest, daß seitenlange Berichte von Zippler über mich vorlagen.

Frauen in Bautzen

Das Haus IV im Zuchthaus Brandenburg war öffentlich wiederholt erwähnt worden. Es war offensichtlich kein ausreichendes Versteck mehr für Total-Isolierte. Kommissionen draußen in der Welt baten um Besichtigung. Ein Konvoi ‚Grüner Minnas‘, auf der Autobahn ständig eingekreist durch schwer bewaffnete ‚Staatssicherheit‘, brachte die Häftlingsbesatzung von Haus IV in Brandenburg nach Bautzen zum früheren Landgerichtsgefängnis.

Das war das schon längst wieder berüchtigt gewordene sogenannte Objekt II in Bautzen – zum Unterschied vom außerhalb der Stadt liegenden eigentlichen Hauptkomplex der Strafvollzugsanstalt. Seit mehr als einem Jahr befanden sich im Objekt II in Bautzen unter besonders verschärften Haftbedingungen auch Frauen. Wir Männer konnten von den meisten unserer Zellen bei etwas Glück immer noch ein Stück Himmel sehen und manchmal sogar ein paar Sonnenstrahlen einfangen. Anders die Frauen. Bei der Verlegung der Frauen in das Objekt II wurden deren Zellen mit hohen und überdachten Blechblenden verkleidet, so daß keine der Frauen von ihrer Zelle jemals auch nur ein einziges Stück des Himmels sehen konnte.