Paris, im November

Der Ton der Straßburger Rede de Gaulles war ungewöhnlich und unerwartet, darin sind sich alle französischen Beobachter einig. Sie hatten gröberes Geschütz erwartet – nicht diese Beschwörung, nicht dieses Werben, das bloß mit drohenden Untertönen durchsetzt war. Oder war es, wie manche meinen, schon kein Werben mehr? War es der Versuch, eine Legende zu hinterlassen – die Legende der über den Rhein ausgestreckten Hand, die jenseits des Stromes nicht ergriffen wurde?

Es gibt auch diese Interpretation. Aber die Ansicht überwiegt, daß es sich um den letzten Versuch de Gaulles handelte, eine Entwicklung zu meistern, die ihm zu entgleiten droht. Dafür spricht die Tatsache, daß der General die deutschfranzösischen Beziehungen deutlicher als je zuvor in die Vorstellung einer europäischen Staatengemeinschaft einbettete und damit für die anderen Partner annehmbar machte. Dafür spricht auch die Vorsicht, mit der er die amerikanischen Gefühle zu schonen suchte, als er ein von Amerika unabhängiges, aber nicht getrenntes Europa forderte. Er hatte für seine Rede den Tag gewählt, an dem er gegen die Absicht Eisenhowers den Befehl zur Offensive auf Straßburg gab – aber er ließ die amerikanischen Truppen an der Spitze der Parade marschieren. Alles, was kommende Gespräche – sowohl mit Präsident Johnson wie mit Bundeskanzler Erhard – erschweren könnte, nuancierte er sehr sorgfältig.

Seit Sonntag rätselt Paris an der Frage, welche konkreten Formen das Angebot einer europäischen Atomstreitmacht schon hat, das in der Rede andeutungsweise enthalten ist. Wie weit ist de Gaulle bereit, der Organisation, die er vorschlägt, auch gewisse Integrationsmerkmale zu geben, ohne die ja die Gleichheit der Partner, von denen nur einer Atomwaffen besitzt, bedroht sein würde? Wenn er nur vorschlägt, daß die europäischen Partner aus der Rolle der "Hilfsvölker Amerikas" in die der Hilfsvölker Frankreichs einrücken, dann kann er sich keine Chance ausrechnen – das ist die allgemeine Meinung. Aber unterrichtete Kreise warnen vor der Annahme, es sei alles schon so weit durchdacht.

Im Augenblick kam es dem französischen Staatschef wohl nur darauf an, die Verhandlungen um die multilaterale Atommacht zu stören. Aber darüber hinaus konnte Botschafter de Margerie, als er Dienstagvormittag bei Bundeskanzler Erhard war – so sagt man hier – an Bemerkungen anknüpfen, die de Gaulle schon einmal gegenüber Erhard machte – bei dem ersten offiziellen Gespräch, das die beiden im Januar 1963 führten. Nach Indiskretionen, die darüber durchsickerten, hat General de Gaulle damals zwei Dinge angesprochen: die Bereitschaft Frankreichs, seine Atomwaffe, sobald sie einsatzfähig sei, bei einem Einbruch in deutsches Gebiet sofort einzusetzen; und die Schwierigkeiten Frankreichs, die Herstellung der Trägerwaffen – der Raketen also, die ab 1968 die Abschreckung tragen sollen – allein zu verkraften. Wenn die sich verdichtenden Gerüchte über dieses Gespräch stimmen, dann haben die beiden Herren damals aneinander vorbeigeredet.

Was amtlich über die Tragweite des Vorschlags von Straßburg zu erfahren ist, besteht aus einer Sammlung von Zitaten, die alle die französische Bereitschaft zum Gegenstand haben, die eigenen Abschreckungswaffen eines Tages in eine europäische Organisation einzubringen. Sie stammen aus Reden von Armeeminister Messmer, Außenminister Couve de Murville undStaatssekretär Habib-Deloncle. Die französische Absicht ist wohl am klarsten in einer Erklärung Habbi-Deloncles formuliert, die fast wörtlich zweimal benutzt wurde und die dem General vorher wohl vorgelegen hatte: "An dem Tag, an dem Europa seine Einheit gefunden hat und wo es inmitten der atlantischen Allianz ein gleichberechtigter Partner geworden ist, wird Frankreich bereit sein, die Bedingungen zu diktieren, unter denen es der europäischen politischen Autorität die Waffen zur Verfügung stellt, die es in der Zwischenzeit konstruiert hat."

Konkretere Pläne, so sagt man in Paris, gibt es nicht. Es gibt insbesondere keinen Plan für eine neue europäische Verteidigungsorganisation. Es gehe um die Reorganisation der NATO im Sinn einer europäischen Verfügungsgewalt über eigene Verteidigungsmittel, einschließlich der atomaren. Eine direkte Zusammenarbeit Bonn–Washington nach Art der MLF mache den notwendigen Dialog Europa–USA fast unmöglich, die englischen Vorstellungen schlössen ihn aus.