Der Krieg in Südvietnam kann mit militärischen Mitteln allein nicht mehr gewonnen werden. Mit dieser Erkenntnis kam der US-Botschafter in Saigon, General Maxwell D. Taylor, diese Woche nach Washington. Dennoch will er der US-Regierung Luftangriffe gegen Nachschubwege und Stützpunkte der Vietcong in Nordvietnam empfehlen. Solche begrenzten Vergeltungsschläge sollen die Kommunisten wenigstens einschüchtern.

In Laos haben US-Propellerflugzeuge vom Typ T 28, gesteuert von Thais mit laotischen Pässen, bereits die Versorgungswege der Vietcong und der mit ihnen verbündeten Pathet Lao attackiert. Die amerikanischen Aufklärungsflüge über Laos und Nordvietnam wurden, trotz Verlustes einiger Maschinen, ausgedehnt Neuerdings werden von großen Mutterflugzeugen unbemannte Aufklärer ausgesandt, von denen eines über Südchina abgeschossen wurde. Offensichtlich wollen die USA sicher gehen, ob sich China zum Eingreifen in den Dschungelkrieg rüstet, nachdem Mao seine 26 Millionen-Miliz aufgeboten hat. Die chinesischen MIG’s in Nordvietnam sind bisher nicht gestartet.

Trotz der amerikanischen Luftüberlegenheit und trotz ihrer hohen Verluste (12 300 bis 18 000 Gefallene in diesem Jahr) haben die Vietcong ihre Kampfstärken erhöht. Dem offenen Feldkampf, dem sie noch nicht gewachsen sind, können sie sich immer wieder entziehen. Umsonst wurden vorige Woche 7000 ausgesuchte Regierungstruppen unter persönlichem Oberbefehl General Khanhs von 115 US-Hubschraubern über einem Vietcong-Zentrum nordwestlich Saisons abgesetzt. Es war ein Stoß ins Leere. Über vier Millionen Mark wurden nutzlos vertan.

Das Kriegsglück ist öfter mit den Vietcong als mit der Regierung, Selbst die Elemente haben sich wider Saigon verschworen. In den sechs Provinzen, die Anfang November von einem Taifun und einer Überschwemmungskatastrophe heimgesucht wurden (7000 Tote, 700 000 Obdachlose), haben die Vietcong schnell die Oberhand gewonnen.

Die neue Zivilregierung in Saigon hat bisher weder gegen den Bürgerkriegsfeind noch gegen die Folgen der Naturkatastrophe wirksam einschreiten können. Sie muß sich fortwährend mit oppositionellen Fraktionen und demonstrierenden Studenten herumschlagen, die den Rücktritt des Regierungschefs Tran van Huong und sogar Verhandlungen mit den politischen Vertretern der Vietcong erzwingen wollen.

Trotz ihrer Enttäuschung über die andauernden innenpolitischen Krisen in Südvietnam haben die USA ihr militärisches Engagement noch vergrößert. Die Zahl ihrer Truppen wurde jetzt auf mehr als 21 000 erhöht, neue Bomber und Transporter wurden eingeflogen. Drei Flugzeugträger kreuzen vor der Küste.

In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob diese Streitmacht ausreicht, die Kommunisten friedenswillig zu machen und die Südvietnamesen moralisch so zu stärken, daß sie sich, ohne ihr Gesicht zu verlieren, mit den Vietcong an einen Tisch setzen können.