Frankreichs Atommacht – Schein und Wirklichkeit

Von Joachim Schwelien

Washington, im November

In einem Interview hat der Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier vor kurzem geäußert: "Bei der heutigen technischen Entwicklung muß man sich die Frage stellen: Werden die Amerikaner rechtzeitig genug den Einsatzbefehl geben können? De Gaulle, daran habe ich keinen Zweifel, würde, wenn wir angegriffen werden, sofort schießen. Mit allem, was er hat."

Die Äußerung Gerstenmaiers bezog sich auf den Streit um die gemischte Atomstreitmacht MLF, und wo er vom Schießen sprach, konnte der Bundestagspräsident nur die seit Jahren erörterte Frage meinen, in welchem Stadium eines sowjetischen Angriffes gleich welcher Beschaffenheit auf Westeuropa, werde er nun konventionell oder atomar vorgetragen, das amerikanische Nuklearpotential in Aktion treten werde. Daran bestehen in Europa Zweifel, seitdem die Strategie der massiven Vergeltung durch die des abgestuften Gegenschlages ersetzt worden ist. Auch Gerstenmaier gehört zu den Zweiflern, was die Absichten der Amerikaner angeht; seine Aussage stellt das völlig klar. Doch meint er, de Gaulle werde sofort schießen: mit allem, was er hat.

Dem Bundestagspräsidenten ist von seinem Interviewer nicht die Frage gestellt worden, was General de Gaulle denn nun habe. Wäre ihm diese Frage nach der force de frappe vorgelegt worden, so hätte der sachkundige und aufrichtige Politiker Gerstenmaier nämlich antworten müssen: "Zur Zeit so gut wie nichts, und später sehr wenig."

Hinweise dieser Art unterbleiben zumeist in der deutschen Diskussion um die MLF, die force de frappe oder die atomare Strategie. Bisweilen wird diese Auseinandersetzung mit geradezu leidenschaftlichen Mißachtung all jener Tatsachen geführt, die jedermann, ob Stratege oder Pseudostratege, ob Atomexperte oder Atomdillettant, zugänglich sind. Denn so eifersüchtig die Atommächte auch alle Produktionsdaten über Atomwaffen hüten, so wenig läßt sich verschleiern, was auf dem nuklearen Gebiet vor sich geht.