M. E., Berlin

Zwölf Gehminuten oder zwei Omnibusstationen nach Norden sind es vom Bahnhof Friedrichstraße bis zum Grundstück Chausseestraße 127, zu Pforte und Schild: Friedhof der französisch-reformierten Gemeinde.

Der Umgang mit dem Tod ist streng geordnet. Unter Punkt sechs der Friedhofsordnung heißt es: "Jede Ruhestörung ist untersagt. Den Anordnungen der Friedhofsverwaltung ist unbedingt Folge zu leisten. Wer zuwiderhandelt, kann vom Friedhof entfernt werden. Falls er sich der Entfernung widersetzt, hat er Bestrafung wegen Hausfriedensbruch zu gewärtigen."

Eine Marmorbank vor einem Namenszug: Hier ruht Gerda Humbert, geborene Gott. Ich sitze auf der Bank, die plötzlich zittert; unter den Toten fährt die Untergrundbahn durch die Chausseestraße, Linie C von Grenzallee im Süden bis Tegel im Norden, 20 Kilometer Strecke, Fahrzeit 65 Minuten. Von den 28 Bahnhöfen liegen sechs auf Ostberliner Gebiet, auf fünf von ihnen fährt der Zug durch.

Ein Junge schiebt einen Karren den Weg entlang, hinter ihm kommt eine Frau. Sie fragt, ob ich vielleicht etwas wissen möchte, sagt: "Wir haben nämlich hier den Defrihnt oder so ähnlich. Er soll Schauspieler gewesen sein." Sie zeigt zwischen Farn und Lebensbaum auf einen Eisensockel mit derAufschrift: Von seinen Kunstgenossen. Engel, Lorbeerkranz, eine lachende, eine weinende Maske. Ludwig Devrient, geb. 1784 in Berlin, gest. 1832 daselbst. "Und dann", sagt die freundliche Frau, "haben wir noch Madame du Titre. Oder so ähnlich." Ein Hügel, wie bestrickt mit Efeu: Marie Anne du Titre nee George. "Das isse; die soll drollig gewesen sein. Nich gerade ausverschämt, aber drollig. Und dann haben wir noch den Schodowieki." Daniel Chodowiecki. "Maler, Zeichner und Radierer, der von der bürgerlichen Welt seiner Zeit eine scharf beobachtete Schilderung gab" (Brockhaus), hat einen simplen Feldstein.

Die Frau kommt mit dem Schubkarren zurück, setzt ihn nieder, sagt: "Ich bin nicht von hier, bin aus Schlesien; aber schon lange in Berlin. 1945 hat die Gemeinde meinem Bruder und mir geholfen, als es uns sehr schlecht ging. Da sind wir zur Reformierten Kirche übergetreten. Ich habe diese Stelle angenommen."

Wie viele Mitglieder die Gemeinde noch hat? "In Ost- und Westberlin zusammen vielleicht 3000. Fragen Sie doch mal im Gemeindebüro im Dom am Gendarmenmarkt. Früher haben wir ja nicht gern Katholiken aufgenommen, aber heute nehmen wir sie. Auf dem Bestattungsschein steht sowieso nicht mehr, welches Bekenntnis der Tote hatte – seit wir demokratisch sind. Bis zum 13. August konnten auch Gemeindemitglieder aus Westberlin bei uns bestattet werden. Seitdem nicht mehr. Aber wir haben trotzdem zu wenig Platz. Das kommt deswegen, weil in der Liesenstraße niemand liegen will. Der Friedhof an der Liesenstraße, zu dem wir verwaltungsmäßig gehören, ist ja Grenzgebiet. Er steht unter Bewachung."