Verfasser von Abenteuerbüchern laufen besonders leicht Gefahr, mit ihren Geschichten über die Grenzen des gerade noch Glaubhaften, hinauszugeraten. Deshalb hat es zu allen Zeiten Autoren gegeben, die es vorzogen, ihre abenteuerlichen Erzählungen von vornherein und in voller Absicht um die entscheidende eine Windung zu überdrehen. Solche Geschichten machen Erzählern und Publikum gleichermaßen Spaß und haben noch obendrein den Vorzug, daß niemand auf den Gedanken kommt, sie für bare Münze zu nehmen. Abenteuersüchtigen Kindern, so meine ich, sollte man derartige Geschichten von Zeit zu Zeit nachgerade als eine Medizin verordnen – besonders, wenn es sich dabei um so lustige und phantasievolle Erzählungen handelt wie in den beiden folgenden Büchern –

Dieter Ott: „Des Grafen Caprioli wunderbare Abenteuer zur See“; K. Thienemanns Verlag, Stuttgart; 224 S., 9,80 DM.

Der Graf Caprioli ist, so scheint es, ein naher Verwandter des Barons Münchhausen, wenn auch Österreicher von Geburt und zudem Kriegskommandant einer kleinen Flotte, die in Diensten der Holländisch-Westindischen Kompanie nach Paramaribo in Niederländisch-Guyana segelt. Der lange Seeweg bietet dem Grafen hinlänglich Gelegenheit, seine ganz außergewöhnlichen Kenntnisse und Fähigkeiten unter Beweis zu stellen – sei es, daß er gestiefelt und gespornt auf einem Haifisch über die Fluten des Meeres reitet; sei es, daß er eine feindliche Brigantine mit Holländerkäse beschießen läßt oder daß er es fertigbringt, seine Flottille trotz völliger Windstille in sausende Fahrt zu versetzen. Da diese und andere haarsträubende Episoden in eine bunte, mit allen Finessen einer herkömmlichen Abenteuergeschichte ausgestattete Handlung ver-

woben sind, bleibt der Leser bis zuletzt nicht sicher vor immer neuen Verwicklungen und Überraschungen, die ihm der Autor – wer mag sich? wohl hinter dem Pseudonym „Dieter Ott“ verbergen? – auf charmante und überlegene Art serviert.

Da geht es in dem anderen Buch schon um! einige Grade rauher und ungehobelter zu. Immerhin spielt es ja auch zu Zeiten der alten Wikinger –

Runer Jonsson: „Wickie und die starken Männer“, illustriert vom Verfasser; Herold Verlag, Stuttgart; 141 S., 7,20 DM.

Der Knabe Wickie, hoffnungsvoller Sprößling! des überaus starken und überaus mutigen Wikingerhäuptlings Halvar, ist der festen Überzeugung, daß Gewalt nicht das letzte und beste Mittel sei, um den Schwierigkeiten des Wikingerlebens beizukommen. Sein Vater hält solche Ansichten zunächst für ein schandbares Zeichen der Verweichlichung, muß sich aber gelegentlich eines Wettkampfes mit dem eigenen Sohn und besonders im Verlauf des nächsten Beutezuges eines Besseren belehren lassen. Ohne Wickie und sein helles Köpfchen wären die langbärtigen Helden: auf dieser Kriegsfahrt mehr als nur einmal! jämmerlich eingegangen. Aber der Junge findet immer wieder einen – wenn auch noch so unwahrscheinlichen Dreh, mit dessen Hilfe er alle Unbill von ihnen abwendet. Eine herrlich lustige Geschichte, in der Krieg und Kriegertum im allgemeinen und die alten Wikinger im besonderen auf köstliche Art veralbert werden. Freilich wird sich der ganze Reiz der von Fritz und Hilde Westphal sehr trefflich aus dem Schwedischen übersetzten Antisaga erst dem Erwachsenen erschließen, der in der Lage ist, das Parodistische daran zu genießen. Otfried Preußler