Von Inge und Walter Jens

Der Scherz-Verlag in Bern, München und Wien ist seit einigen Jahren dabei, zwei Begriffe, Auswahl und Authentizität, miteinander zu koppeln, die sich sonst nicht auf einen gemeinsamen Nenner zurückführen lassen. Kenntnisreiche Editoren versuchen, in raffender Zusammenstellung die wesentlichen Aspekte

Da in den Monaten vor Weihnachten fast soviel Bücher verkauft werden wie während des ganzen übrigen Jahres und da ein Buch, das jetzt vielleicht an die zwölfte Stelle rückt, in den anderen Monaten – absolut gesehen – noch allemal unter den ersten fünf wäre, scheint es uns angezeigt, unsere Fünferliste, die bis auf den Spionageroman von John LeCarré sowieso nichts Neues aufweist, diesmal ein wenig fortzusetzen. An der sechsten Stelle hätten die Lebenserinnerungen von Elisabeth Castonier zu stehen („Stürmisch bis heiter“, Nymphenburger Verlagshandlung) an der siebenten das Eichmann-Buch von Hannah Arendt („Eichmann in Jerusalem“, R. Piper & Co Verlag); an der achten die „Reise in ein fernes Land“, die die ZEIT-Redakteure Gräfin Dönhoff, Rudolf Walter Leonhardt und Theo Sommer unternahmen (Nannen Verlag); an der neunten die einbändige Ausgabe der Josephs-Tetralogie von Thomas Mann (S. Fischer Verlag) und an der zehnten endlich der neue, der siebente Spectaculum-Band (Suhrkamp Verlag). D. Z.

einer Zeitung zu zeigen; renommierte Essayisten, Sieburg, Golo Mann und Reifenberg, analysieren in einem Vorwort die Eigenart von Gartenlaube, Simplizissimus und Frankfurter Zeitung; zweihundert Faksimile-Seiten sollen, die Summe dicker Jahrgänge ziehen.

Ein Unternehmen also, das so interessant wie fragwürdig ist: Viel geht verloren, Tendenzen werden vereinfacht, Wandlungen stellen sich sprunghafter dar, als sie in Wirklichkeit waren; der Zwang, ganze Zeitungsseiten zu photokopieren, nötigt die Herausgeber zum Abdruck von Belanglosigkeiten; Zentralartikel brechen ab, und eine dürftige Nacherzählung hat zu berichten, wie das Finale auf der nächsten Seite sich ausnimmt.

Wohl dem, der, wie der REich-Bearbeiter Hans Dieter Müller, statt eines Saeculums nur eine bescheidene, in Monaten meßbare Spanne darstellen muß und das Glück hat, sich auf die Querschnitt-Essenz von sechs Jahrgängen konzentrieren zu können –

„Das Reich“, eingeleitet von Harry Pross, herausgegeben von Hans Dieter Müller; Facsimile Querschnitt durch alte Zeitungen und Zeitschriften, Band 4; Scherz Verlag, Bern/München/Wien; 208 S., 24,80 DM.

Die Edition, dies vorweg, ist solide, redlich und fair, „Denunziationen“ und Vergröberungen, naheliegende Akzentverschiebungen wurden vermieden; wer, wie die Verfasser dieser Rezension, das Reich-Material verzettelt hat, wird dem Herausgeber bestätigen müssen, daß seine Auswahl, alles in allem, Tenor und Tendenz der Zeitung richtig wiedergibt. Die Quellen-Analyse zeigt Behutsamkeit und kritischen Sinn: Daß die dezidierten Faschisten dem Editor bereitwilliger als die auf Exkulpierung bedachten Mitläufer halfen, ist nicht Müllers Schuld, sondern fällt den Informanten zur Last.

Dabei sei nicht geleugnet, daß ein weiteres Jahr geruhsamer Forschung wahrscheinlich nicht nur zusätzliche Quellen erschlossen, sondern auch die Errata-Quote, Druckfehler und Versehen erheblich gesenkt hätte (Heuss’ Aufsatz zu Kellers fünfzigstem Todestag bleibt unerwähnt; Karl Kraus schreibt sich mit einem s; Schumann ohne h; Kogon heißt keineswegs Egon). Auch wäre zu begrüßen, wenn der Herausgeber das vielschichtige „Anwerbungsproblem“, hier Verhandlung, dort Abkommandierung, noch differenzierter dargestellt und die relative Freiheit der Redaktion, etwa durch eine Verwertung der Koblenzer Sammlung Brammer, anschaulicher analysiert hätte: Wie sah die Sprachregelung aus, welche Themen waren tabu, bis wohin war ein Negieren der Reichspressekonferenz-Weisungen möglich, lassen sich Grundsätze fixieren, Ausnahmen zur Regel erheben, konkrete Beispiele aus verschiedenen Sparten für den Begriff der „relativen Freiheit“ anführen?

Nun, das Bild war bunt, die Mitarbeiter hatten wenig miteinander gemein, Hans Baumann schrieb neben Elly Heuss-Knapp, Theodor Haering neben Joachim Günther und Heinz Paeschke, Planck neben Kindermann. Das Deutsch, das wir, wie Harry Pross, vor dem Hintergrund des Angriff und Stürmer, seinerzeit für gepflegt und verhältnismäßig anständig hielten, ist, mit Ausnahme einiger sachlicher Spezialisten-Beiträge, erbärmlich. Auch im Feuilleton wurde, mit hymnischem Rosenberg-Einschlag, die Sprache des Leitartiklers geredet, wurden junge Völker gepriesen, die Emigranten geschmäht, und nur die eigentlichen Macht-Techniker konnten es sich leisten, Berechnungen statt Phrasen vorzutragen: Carl Schmitts und Hermann Röchlings Beiträge wären einer semantischen Studie wert!

Ansonsten dominierte, wie Klemperer es einst formulierte, die lingua tertii imperii; das von Cornelia Berning gesammelte und von Eugen und Ingeborg Seidel analysierte Vokabular bestimmte, kaum nuanciert, in gleicher Weise das Feuilleton, die Wirtschaftsseite, den PK-Bericht und den politischen Teil. Schwulst und komisches Pathos, Metaphern-Ungeheuer und Bild-Monstrositäten, teils aus bäuerlichen, teils aus militärischen Bausteinen zusammengefügt, ergänzten einander und fügten sich doch nicht zusammen. Elektriker-Sprache („ausschalten“ als Euphemismus für „eliminieren“) und biedermeierliches Gehabe („der warme Herzton schlichter Frömmigkeit das Streben nach soldatischer Knappheit und der Wille, sich dennoch pathetischperiphrastisch zu geben („ Domkuppel des Wirtschaftsfriedens“); Clausewitz-Sätze mit Marlitt-Sentenzen vermischt („der Rhein hat göttliche Gewalt im Volk“); auf der einen Seite bombastische Superlative, Doppelbildungen, Tautologien, immer dort ein „zutiefst“, wo ein „tief“ schon zu tief war, auf der anderen Seite die dröhnende Zartheit und das Gewitter der Innere lichkeit, Spitzweg bei Donner und Blitz („es geht über die Seele ein großes Erwachen“); hier die Neigung zum Archaisieren (nichts dauert, alles „währt“), dort die wilde Substantivierung („Verzweifeltheit“, „Heimholung“, „Schrifttumspolitik“); hier Melodramatik, da, nicht minder forciert, das Preislied aufs Organische: Das deutsche Volk hat die Gefahr des Jüdischen aus seinem Organismus ausgestoßen, der Warthegau wächst in den Volkskörper hinein – welches Gegensatz- oder Komplementärpaar man auch betrachtet, in jedem. Fall wird der Leser auf die Entsprechung von Idylle und Heroismus verwiesen: keine Gewalttat, die nicht im Zeichen des Inneren Reiches geschähe!

Dichter gegen Schriftsteller (eine Antithese, die nicht alle Reich-Mitarbeiter so vielschichtig wie Max Bense zitierten), germanisches Kulturbewußtsein an Stelle des westlichen Zivilisationsrummels, das Blut und nicht der Verstand, der Instinkt statt der Ratio, Schau und Leben gegen Wissenschaft und Theorie, die artreine Garde, nicht der „intellektuelle Janhagel“: Stefan Georges Reichstraum schimmert durch, die Jugendbewegung leiht ihr Vokabular, Carl Schmitts Freund-Feind-Theorie, Dezisionismus-Lehre und Jüngersche Kampf-Apotheose werden verwandt – alles mißbraucht, alles manipulierbar, alles, im Zeichen des anachronistischen Ressentiments, mit leichter Hand zu vereinen.

Jedes paßte zu jedem. Auf verschiedene Weise prädisponiert kehrten die einen, von Autorität und neuer Bindung träumend, die antiliberalen Aspekte hervor; andere beschworen im Maschinenzeitalter mit romantischer Verve die ständische Ordnung; dritte nannten das Reich „das Herz und die Mitte der Völker“ und bedienten sich dabei einer Sprache, die einem Studenten von heute wahrscheinlich unverständlicher als das Deutsch der Luther-Zeit ist: „Reich ist für uns nicht nur äußere staatliche Form, sondern Kraft, Macht und Ordnung aus Verantwortung von innen her. Das Reich als Auftrag, um aus völkischer Kraft und höchster Leistung der Führung – mit einem Wort Nietzsches – zu herrschen und dem höchsten Gedanken zum Siege zu verhelfen. Reich heißt darum auch Gesinnung und Haltung.“

Ist das zu fassen? Ist es begreiflich, daß – ein zweites Beispiel – selbst ein Mann wie Süskind sich zu der These verstieg, „daß bei einer Konsolidierung der Deutschheit in unseren Seelen (als einer Abkehr vom westlichen Zivilisations-Komfort- und Aufklärungsrummel) sehr wohl auch geschichtliche, ja sogar männlich-einzelmenschliche Tatbestände zu Zündstätten des Mythischen werden könnten“? Das Stottern der Scham? Eine Parodie für Eingeweihte? Selbstkasteiung und Opfer? Die Fragen bleiben, und sie scheinen deshalb unlöslich, weil die Summe aller Reich-Bände nicht den geringsten Rückschluß auf die Wirklichkeit zuläßt. Die Realität rigoros überspringend, Guckfenster leugnend, schritt man schon im ersten Satz zur mythisierenden Allegorie, verabsolutierte den Krieg, die Vorsehung und jene Geschichte, „die noch niemals geirrt hat“, zitierte, unter strikter Leugnung gesellschaftlichen Diskrepanzen, beliebige historische Analogien, stützte im Feuilleton, durch spekulative Vergleiche, die Goebbelsschen Thesen, schwärzte das Schwarz, weißelte das Weiß und leugnete alle Schattierungen.

Die PK-Berichte entwarfen ein stereotypes Heldenbild, das aus hundert Worten bestand. Individuen, Charaktere, deren allzu Menschliches sie erst menschlich sein läßt, scheint es, will man dem Reich glauben, im letzten Krieg nicht gegeben zu haben. Wie atmet man auf, wenn in einer (hämisch zitierten) Steinbeck-Reportage Soldaten erscheinen, die, listig, räuberisch, witzig und ängstlich, den Puppen-Alptraum zerschlagen: Menschen, die des Dialoges fähig sind, der schillernden Replik, der Zwischentöne und privaten Abbreviaturen, Männer, die sich in verschiedener Weise erinnern und, je nach ihrer sozialen Position, eigene Hoffnungen und Erwartungen haben, während sich das Leben der Deutschen, vom Kollektiv-Schicksal bestimmt, offenbar nur zwischen den Polen Idylle und Heroismus bewegte.

Berichte über den Maler und sein Weib („Frauen ..., die fest in sich ruhen, Gefährtinnen, Kameraden ihrer Männer sind“) wechseln mit Siegfried-Artikeln; neben dem Preislied auf die Winkelriede der See und die rammenden Jäger stehen Aufsätze wie „Wo die Hitlerschen her san“ oder „Die unruhige Erde der Alb“.

Dabei sind die Nuancen nicht zu verkennen: Je länger der Krieg dauert, desto düsterer wird das Langemarck-Pathos, die Huldin von 1940 verwandelt sich in das tapfere Mädchen, das beim Luftangriff seinen Mann steht und, mit einem Lippenstift-Strich, dennoch Charme und Anmut beweist. Schwarz van Berk sucht die Fackelträger vom dreißigsten Januar in den Ruinen Stalingrads, die Revolution lebt am Don; PK-Mann Walter Henkels vergleicht zwei Kampfflieger-Photos, das erste zeigt einen Jüngling, das zweite, nach Hunderten von Flügen geknipst, einen vorzeitig gealterten Mann; Goebbels schließlich (ein erstaunlicher Vorgang!) sieht, das Heimatgefühl der Großstädter feiernd, selbst im Asphalt-Begriff eine positive Nuance („Aber wir stehen in tiefer Ehrfurcht vor diesem unzerstörbaren Lebensrhythmus und diesem durch nichts zu brechenden Lebenswillen unserer großstädtischen Bevölkerung, die auf dem Asphalt doch nicht so wurzellos geworden sein kann, wie uns das früher oft in gutgemeinten, aber reichlich theoretischen Büchern immer wieder auseinandergesetzt wurde“).

Im Feuilleton freilich bleibt die vertraute These „das Land ist gut, die Stadt schlecht“ unverändert bestehen; die Schwarmgeister sehen sich nicht in der Lage, der Goebbelsschen Einsicht zu folgen; man „wurzelt“ weiter, und je näher der Gegner den Reichsgrenzen rückt, desto bedeutungsschwerer präsentieren sich die Vokabeln „Boden“ und „Erde“.

Nein, eine „Opposition“ der Feuilletonisten gegen den Tenor der Leitartikel ist beim besten Willen nicht zu erkennen, im Gegenteil, man stützt und sichert ab, so gut es geht, sucht – von Jahr zu Jahr mehr – auf dem Felde der Innenpolitik tätig zu werden und orakelt von Buch und Leier an der Seite des Schwertes und vom „Kraftquell der Kunst“. Die drei Berichte über die Weimarer Dichtertreffen sprechen für sich: Während man andernorts zwar auch nicht verreckt, aber doch immerhin „fällt“, verneigen sich edlere Schreiber vor der „Majestät des Todes“, geben den Ermordeten die freundlichen Züge „entschlafener“ Menschen und verbrämen die Kriegsgeschichten mit Anekdoten aus dem Inneren Reich.

Einverständnis allüberall. Die „Umsiedlungs“-Aktionen im Osten werden von einem „Seelische Akklimatisation“ betitelten Hellpach-Artikel begleitet; Goebbels’ Untermenschenthese sieht sich durch die Gaisersche Definition von den „Bodensätzen unerträglicher und unbegreiflicher Dunkelheit“ (der Gegensatz: „die hellhaarigen handfesten BDM-Führerinnen aus dem Reich“!) aufs schönste bestätigt. Mochten die einen Dietrich Eckart oder Lanz von Liebenfels, die anderen Carl Schmitt ihren geistigen Ziehvater nennen – die Lehre von dem Feind, der „anders“, „minderwertig“ und „entartet“ sei, blieb gleich. Churchill erscheint als „dicker Zyniker mit dem unausstehlichen Stummel in der breiten Visage“. Die Russen vegetieren dumpf dahin: „Es gibt hier keine adeligen Menschen, vergebens sucht man ein edles Antlitz oder Augen, aus denen ein reines Feuer blitzte.“ Die Juden, die die Rolle der Engländer aus dem Ersten Weltkrieg übernommen haben, sind das Böse schlechthin; auf ihr Schuldkonto, so heißt es in dem furchtbarsten Aufsatz, der in dieser Zeitschrift erschien, in Goebbels’ Leitartikel „Die Juden sind schuld!“, geht jeder gefallene deutsche Soldat; sie „sind eine parasitäre Rasse, die sich wie ein faulender Schimmel auf die Kulturen gesunder, aber instinktarmer Völker legt“; auf sie und die von ihnen beherrschten Bolschewisten ist, frei nach Dietrich Eckarts Traktat über den „Bolschewismus von Moses bis Lenin“, alles Unglück der Welt deduzierbar; ihre Ausstoßung folgt dem Gebot der Hygiene und den Gesetzen jener Stärkeren, die, als Hüter der Ordnung, Europa angeblich vor dem Ansturm der Steppe beschützen.

Im Zeichen des Rußland-Feldzuges – diese Genese läßt sich von Nummer zu Nummer verfolgen – gewinnt die Sentenz von der Verteidigung des Abendlands immer mehr an Gewicht, an der Wolga wird der Amerikanismus, werden „die bedrückende Banalität eines idiotischen Fortschrittglaubens“ und die „stumpfe Maschinenanbetung“ besiegt, vor Stalingrad will man die Zeichen Hammer und Sichel zerschmettern, in denen „nichts Ewiges, nichts Metaphysisches, nichts Übersinnliches mehr enthalten ist, kein Göttliches und Übermenschliches mehr“. Auch im Namen der Neutralen (deren Journalisten man von 1942 an immer heftiger angreift), ja, selbst im Namen der Feinde sei – so Goebbels, so die Claqueure unter dem Strich – das Reich angetreten, um Europas heiligste Güter zu wah-• ren und, wie im Warthegau oder im Generalgouvernement, in Holland oder in Belgien, Frieden und Ordnung zu bringen.

Man sieht, die Lektüre ist nicht gerade erquickend. Erholungspausen gibt es kaum, im Gegenteil, die Floskeln der Sklavensprache bestätigen nur, statt es zu neutralisieren, das Pathos der Goebbels-Artikel: „...aber als das Festlichste erwies sich doch“ – so Manfred Hausmann – „der Vortrag Hermann Burtes, der am Sonntagmorgen nach der Begrüßungsansprache des Reichsstatthalters aus dem schwermütig-süßen Largo des Händeischen Concerto grosso sich erhob. Es galt, die europäische Sendung der deutschen Dichtung darzutun.“

Und nirgendwo Opposition? Nur Goebbelssche Wahrheit, sonst nichts? Nur Feigheit, Liebedienerei, echter Konsens und heuchlerische Acklamation? Gemach, so einfach sind die Dinge nicht.

Zum ersten, meinen wir, steht es uns Jüngeren, die damals noch nicht im „Schreibalter“ waren, keineswegs an, die Entscheidung für die Berliner Weinstube, in der man die Redaktionssitzung hielt, und das Votum gegen den russischen Graben als „Feigheit“ zu charakterisieren. Wir haben gut reden.

Zum zweiten gab es im Reich eine Fülle neutraler Artikel, an deren Integrität, mit einem Blick auf die Goebbels-Tiraden, zumindest diejenigen nicht zweifeln sollten, die sich heute im Feuilleton von Blättern linksliberal geben, auf deren erster Seite man dem Kalten Krieg ein kräftiges Halali bläst.

Zum dritten gab es im Reich sehr wohl Kritik zwischen den Zeilen: So wenn Srbik in einem Referat die Seriosität des Vorgeschichtspapstes Weinert sachlich-sanft bezweifelte, wenn Christa Rctzoll, nach einem idyllischen Ostarbeiter-Report, zur Menschlichkeit gegenüber den Schwächeren aufrief oder wenn Heinz Bongartz in einer schonungslosen Front-Analyse die Aussichtslosigkeit des Krieges bewies.

Fünftens findet sich zumindest ein unübersehbar Zeugnis für mutiges Rebellentum: Herbert Schöfflers Betrachtungen über den Witz der deutschen Stämme – man lese im Ostpreußen-Aufsatz die tollkühne Verhöhnung der Rassen-Ideologie!

Sechstens ist zu bedenken, daß es nicht nur verschiedene Negationsmöglichkeiten, sondern auch verschiedene Grade der Zustimmung gab: Von der Dämonie der Maschine, der menschlichen Gefährdung durch das Tote und Abstrakte zu reden, war etwas anderes, als einen Hymnus auf das Innere Reich verfassen. (Wie oft endeten relativ sachliche Etüden damals ganz unvermittelt mit einer durch nichts begründeten Apotheose! Wie ergiebig wäre eine Arbeit über „Das Artikel-Ende zwischen 1933 und 1945“!) Ein Hymnus aufs Innere Reich wiederum brauchte noch nicht faschistisch zu sein. Die Übergänge sind fließend, die Worte wollen beklopft sein. Eist nach exaktester Analyse des Sprachmaterials werden jene Artikel erkennbar, in denen der Schreiber aus Überzeugung oder, schlimmer noch, Opportunismus weit mehr als den geforderten Tribut entrichtete.

Wenn Erich Peter Neumann in seinem Ghetto-Bericht vom „Querschnitt durch die Disziplinlosigkeit und Verkommenheit der semitischen Rasse“ spricht, von der „ungeheuren abstoßenden Vielfalt aller jüdischen Typen des Ostens“, von „einer Versammlung des Asozialen“, wenn er, der angeblich hygienischen Maßnahme der Ghetto-Errichtung zustimmend, das grausige Panorama mit dem unter klingendem Spiel marschierenden deutschen Soldaten vergleicht, mit dem „ordnenden Element, das die Macht dieses Raumes präsentiert“ – dann ist der Punkt erreicht, an dem auch dem von erasmianischem Verständniswillen geprägten Leser die winzigen Nuancen, die solche Berichte noch von Goebbels’, Leitartikeln trennen, gleichgültig werden. Hier ist die Grenze überschritten, hinter der jene Verklärung von Untaten beginnt, die, wie hundert andere Aufsätze zeigen, sehr wohl zu vermeiden war.

Unter den Mitläufern, Warnern, Neutralen, Biegsamen, Überzeugten, Schamhaften und Bramabarsierern die kleine Gruppe dezidierter Vertreter der Herren-Ideologie herauszustellen: dies scheint mir eine Aufgabe zu sein, die nichts mit Denunziation, wohl aber mit der Spreu- und Weizensondierung zu tun hat.

Natürlich bedarf es dazu der Kenntnis anderer Zeitungen so gut wie des detaillierten Studiums aller Reich-Faszikel. So richtig Müllers Exzerpt – nehmt alles in allem – das Gesamtkonvolut spiegelt – Einzelheiten, scheint es uns, sind doch ein wenig anders zu sehen: Fritz Nemitz’ Rolle wäre genauer zu zeigen (die Kunstbetrachtung war noch orthodoxer als die literarische Kritik!), Wilhelm Hartnacke darf, wo Rand-Mitarbeiter gleich mehrfach auftauchen, keineswegs fehlen; das Prinzip, den Querschnitt an den Kriegsfakten und ihrer Kommentierung zu orientieren, scheint bisweilen gar zu schematisch – die PK-Berichte überwiegen, zumal gegen Ende hin, zu sehr im Verhältnis zur Wirtschafts- und Fachwissenschaftssparte.

Doch das sind Kleinigkeiten. Insgesamt hat Hans Dieter Müller eine schwierige Aufgabe mit Umsicht, Takt und Noblesse gelöst. Die zweite Auflage sollte die kleinen Monenda verbessern und das Literaturverzeichnis gründlich, auch Neuauflagen von Standardwerken erwähnend, korrigieren. Das Wichtigste findet sich heute bei Cornelia Berning: „Vom Abstammungsnachweis zum Zuchtwart – Vokabular des Nationalsozialismus.“ Eine grundsätzliche und umfassende Arbeit über die Sprache des Dritten Reiches steht leider immer noch aus: um so verdienstlicher Müllers Beschreibung von „Ordnung“, „Herrschaft“ und „Idylle“ als Schlüssel-Vokabeln des Reichs.