Von Walter Widmer

Bläst man eine Händelsche, Blockflötensonate auf der Posaune des Weltgerichts, so zittern zwar die Wände und die Bilder wackeln, aber das empfindliche Ohr nimmt dieses Gedröhne nicht auf. Karlheinz Deschner hat sich offenbar den antiken Herkules zum Vorbild erkoren; überall sieht er Augiasställe, und überall fühlt er sich berufen, sie auszumisten. Ich bin ganz dafür, daß hier und dort ausgemistet wird, nur muß es sachgerecht und am tauglichen Objekt geschehen. Herakles hat nach Halbgötterart das summarische Verfahren gewählt und kurzerhand die Flüsse Alpheos und Peneos durch den Mist geleitet und ihn so weggespült. Deschners Methode ist nicht so herkulisch, wie ja überhaupt dieser Herkules die verkörperte Treuherzigkeit war – und das kann man von Deschner wahrhaftig nicht sagen.

Deschner hat sich, seit sein Roman "Die Nacht steht um mein Haus" keinen Anklang fand, als literarischer Tabu-Knacker etabliert, als Rächer aller zu Unrecht Mißachteten und unverdient Ruhmlosen, als Würgeengel der Großen, die seiner Ansicht nach maßlos überschätzt werden. Der Ton, in dem Deschner seine Werturteile abgibt, ist nicht gerade fein. Da werden die Anhänger der Gruppe 47 als "lauter Schleimscheißer" apostrophiert; ich halte solcherlei Ausdrücke, als literarische Termini verwendet, nicht unbedingt für nachahmenswert (auch dann nicht, wenn sie – wie mir Ohrenzeugen versicherten – in den Diskussionen der Gruppe 47 auftauchen).

Voraussetzung für eine so massive Kritik an Stil und Gehalt der inkriminierten Werke ist nach meinem Dafürhalten die eigene Leistung des Pamphletärs – das heißt in unserem Fall die Legitimation Deschners im Grund seines einwandfreien Stils und seines hohen schriftstellerischen Niveaus, seiner Redlichkeit und seines ernsthaften Bemühens um Reinhaltung des literarischen Betriebs. Aber Deschners Bekennermut riecht mir allzu penetrant nach Stänkerei, seine angebliche Sorge um das gute Deutsch straft er mit einem unerträglichen Stilgeckentum dauernd Lügen, seine Kritik trifft zwar recht oft zu, aber dabei bleibt es; was er an Gegenargumenten vorbringt, ist dünn und dürftig, was er verschweigt, spricht Bände, und manchmal ist seine Argumentation schierer Unsinn. Zum Beispiel, wenn er Frischs grammatischen Lieblingsschnitzer: "Er will nicht sich selbst sein" als "unschöne Wiederholung" taxiert, während es sich doch ganz einfach um das Faktum handelt, daß Frisch in der Schule nicht aufgepaßt hat. Das Schweizerdeutsche nämlich kennt den Unterschied von Akkusativ und Nominativ nicht, und man kann Schweizer Schulungen, im Spaß oder im Ernst, auf Hochdeutsch zueinander sagen hören: "Du bist einen während die altertümelnden Ausdrücke wie man ansonst", "dieweil", die Deschner als Helvetismen beargwöhnt, gestelztes Amtsdeutsch und in der Schweiz überhaupt nicht gebräuchlich sind. Auch ein Pamphletist darf sich sachlich informieren, oder?

Es gibt freilich eine sachliche Wut, die berechtigt ist. Sie zu äußern, bedarf es jedoch einer gewissen Größe, und Deschners verbissene Humorlosigkeit wirkt sich als kleinliche Beckmesserei und unbeherrschtes Gebelfer aus. C’est le ton qui fait la musique. Deschner steht, leider, nicht über seinem Stoff; er ist von ihm besessen, er erliegt ihm, und viele kluge Gedanken werden unwirksam, weil sie neben faustdicken Grobheiten stehen. Wüstes Geschimpft ist eben noch kein Pamphlet. Und, mein Gott, das Phänomen Grass mit ein paar lappischen Äußerungen wie den folgenden abtun zu wollen, ist doch gar zu billig: "Im Moment ist Grass der ‚große‘ Mann. Und er ist wie geschaffen dafür. Er schüttelt dem amerikanischen Präsidenten die Hand, und er schlüpft in die Uniform eines Zeitungsverkäufers. Er spickt die Reden des Berliner Bürgermeisters mit passenden Zitaten, und der Berliner Bürgermeister verschenkt Schallplatten mit der Stimme von Grass. Ja, der Meister demonstrierte sein Genie, indem er zu einer Lesung im New Yorker Goethe-Haus durchs Fenster stieg. Doch erklären seine total undichterischen Bücher, ihre wohl dosierte aura seminalis und die Zugehörigkeit zur Gruppe 47 den jähen ‚Ruhm‘ vollauf." Das ist, mit Verlaub, Küchentratsch.

Müßte man Deschner selbst tausendmal recht geben, bliebe immer noch das Malaise über seine Sprache, mit der er doch eben die Sprache seiner Opfer anprangern will. Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson können nicht Deutsch, findet er. Gut und schön – aber was er zusammenschreibt, geht wahrhaftig auf keine Kuhhaut. Was ist ihn nur angekommen, diesen grauslichen Fremdwörtersalat zu servieren? Wer versteht "eine literarische Chrysographie, die der ausgelaugte allegorische Schwulst kaum derogiert"? Arbeitet er mit dem Fremdwörterlexikon? "Die Iteration wirkt fatigant", die "Exsikkation des Stils", die "aride Prosa", "der denkwürdige Phebus", der "loquaxe Familien-Senior", eine "kupide" Jungfrau, die "Nobelpreis-Exspektanz" – und das auf jeder zweiten oder dritten Zeile! Das hört sich im Zusammenhang dann etwa so an: "Sein Roman aber spiegelt kein Leben, weil er ohne stilistischen Eigengehalt ist, ohne Fulgenz und Faszination; eine gewiß meist korrekte, oft spürbar zurechtgebosselte, sozusagen artialisierte Diktion, die aber über eine ziemlich seichte, kleingeistig-jejune Eloquenz selten hinausgeht: circutiöse Soliloquien, monotone Paraphrasen, soignierter Schmus, ausgelaugte Lokutionen, negligeantes Wiederholen ..." (Übrigens: gemeint ist Heinrich Böll.)

Dieser Fremdwörterfimmel vor allem macht das Buch so ungenießbar; aber nicht nur das: eine unglaublich selbstgefällige Impertinenz, eine Arroganz, die kaum zu überbieten ist, ein hochnäsiges Besserwissen und eine geradezu sadistische Lust am Verletzen. Dazu kommt ein aufdringliches Kokettieren mit dem Publikum, ein Sichzur-Schau-Stellen als verkanntes Genie. Pathetisch wird verkündet: "Dieses Buch wird man totschweigen, das einfachste, erprobteste Mittel. Und man wird es diffamieren."

Ich frage mich, was Deschner bezweckt, und ich komme zu folgendem Ergebnis:

1. Die sogenannte Gruppe 47 ist eine Interessengemeinschaft zur gegenseitigen Beweihräucherung; ihre Mitglieder liften einander bedenkenlos und allzeit solidarisch empor zu Ruhm und Bedeutung, zu Literaturpreisen und hohen Auflagen.

2. Die Literaturkritiker sind samt und sonders im Bund mit der Gruppe 47, dem "Konzern" (wie Deschner sagt); sie "küren Kakographen zu großen Dichtern und diffamieren große Dichter".

3. Es gibt keine bedeutende zeitgenössische deutsche Literatur ... Wir haben aber eine riesen-

große Propagandamaschine, das ist die Gruppe 47. Sie suggeriert aller Welt, was gar nicht ist.

Das wär’s etwa, glaube ich.

Ich gehöre nicht zur Gruppe 47, kann also einigermaßen unbefangen urteilen und meine Bedenken und meine Zustimmung äußern, je nachdem mir Deschners Thesen einleuchten oder nicht.

Im ganzen gesehen reduziert sich die Kontroverse Deschner/Gruppe 47 auf das allerdings aktuelle Problem des literarischen Managements. Das meint er mit seinen Angriffen auf die Autoren, die der Gruppe 47 angehören, auf die Kritiker, die sich positiv über sie ausgesprochen haben. Ja, warum geht er dieses Problem nicht direkt an? Warum muß bei Kreuder als Tugend bewertet werden, was bei Böll eine Sünde ist (zum Beispiel der Einfluß Faulkners)? Warum nicht rundheraus sagen, daß die Gruppe 47 sich selber verraten hat, als sie zur Literaturbörse wurde? Als sie Verleger, Lektoren und gruppeneigene Kritiker zuließ, als die Lesungen auf dem "elektrischen Stuhl" zur jährlichen Schau wurden, als Preise vergeben, Außenseiter in der Luft zerrissen, Gruppen-Habitues geschont wurden? Warum gehen so unkonziliante Siebenundvierziger wie Böll und Schnurre nicht mehr hin, warum ist es vielen anderen nicht mehr wohl dabei? Eben weil die Literaturpolitik der Gruppe respektive des Führungsstabs sie abstößt. Es bleibt mir unvergeßlich, wie ein Starkritiker, der einen jungen Autor auf einer Gruppentagung fertiggemacht hatte, mir auf meine Vorhaltungen hin zynisch antwortete: "Ja, hätte ich gewußt, daß er mit Ihnen befreundet ist, hätte ich es nicht getan." Das nenne ich objektive Kritik. Fest steht, daß die Gruppe 47 heute exakt das ist, was man ihr vor fünf Jahren zu Unrecht vorgeworfen hat: eine Phalanx verbündeter Interessenvertreter, die Literaturbörsianer spielen und das Maß dessen bestimmen, was literarische Geltung hat (oder haben soll). Doch wozu das so wutschäumend konstatieren? Wozu mit dem Dreschflegel argumentieren? Wozu so affektiv und emotional reagieren? So bierernst und humorlos? Nun ja, neuerdings verfügt sich die Gruppe 47 ins Ausland und repräsentiert dort "die deutsche Literatur". Meinetwegen, soll sie doch. Was Ruhm und Ewigkeitswert verdient, wird die Nachwelt entscheiden – und auch da ist es nicht so sicher, ob sie nicht irren wird.

Zum zweiten Punkt: Deschner hat defekte Augen, er sieht alles immer nur aus nächster Nähe, ohne Perspektive, ohne Zusammenhang, mit dem monomanischen Blick des berufsmäßigen Kritikasters, mit dem gänzlich humorlosen Verstand des Kümmelspalters und Schulmeisters. Da spricht er in einem fort vom Dichterischen, vom Großen, vom Vollkommenen, doch vergißt er zu sagen, was er darunter versteht. Soll ich darunter das "Intuitive, Inspiratorische", die "luzide Bewußtheit" und die "imaginative Intensität, den diegetischen Elan, die narratorische Fluoreszenz, das Halluzinative, Pleromatische" verstehen, wie Deschner es Kreuder nachrühmt? Da gibt sich eine Fremdwörtersammlung für eine Poetik aus.

Was die Literaturkritik anlangt, hat es seit jeher die Händewaschen und die integren Kritiker gegeben, die Schieler und Buhler neben den Geradeausblickenden, die Dummen neben den Gescheiten, die Gebildeten neben den Halb- oder Ungebildeten, die Leimsieder neben den witzigen und Geistreichen – und so weiter. Die Kritik als Gesamtbegriff gibt es gar nicht; es gibt Reinhard Baumgart, Helmut M. Braem, Helmut Heißenbüttel, Peter Demetz, Walter Boehlich, Heinrich Vormweg und andere, jeder ein Individuum mit seiner eigenen Meinung, und sie alle werden sich einen Deut um den "Terror" der Gruppe 47 kümmern. Daß sie sich nicht genügend um Karlheinz Deschner gekümmert haben – kann das nicht an Karlheinz Deschner liegen? Welchen großen Dichter haben die Kritiker diffamiert? Jeder (große oder kleine) Dichter fühlt sich diffamiert, wenn ihn jemand kritisiert. Und Karlheinz Deschner wird von heute an überall sagen und schreiben, ich hätte ihn diffamiert.

Punkt drei:

Die Bedeutung lebender Autoren festzustellen, ist schwierig, und kein redlicher Kritiker wird glauben, sein Urteil sei unfehlbar. Aber was heißt denn bedeutend? Es will doch sagen, daß uns – lier und heute – ein Autor etwas bedeutet, daß er uns etwas zu sagen hat. Und dieser lapidare Satz – es gäbe keine zeitgenössische deutsche Literatur – ist schlicht das, was er so taktvoll Einmal von Böll sagt: Welch grauenhafter Quatsch!

Deschners Zitate habe ich nicht nachgeprüft; aber ich bin im höchsten Grade mißtrauisch, seit ich einen Satz über Ernst Kreuder, den ich geschrieben habe, so zusammengestückelt fand, daß er – als Motto vorangestellt – jetzt giftig und gemein wirkt, wirken muß, obwohl er im Zusammenhang durchaus harmlos war. Mit dieser Methode kann man allerdings jeden Autor fertigmachen.

Sicher läßt sich gegen alle "behandelten" Autoren mancherlei einwenden, aber nicht so, nicht in diesem Ton, nicht mit solchen Argumenten, nicht mit dieser hämischen Überheblichkeit. Deschner stellt seinem Bulldozer ein Motto von Alfred Döblin voraus: "Mir scheint nur die Kritik berechtigt, die aus einem liebenden oder kämpfenden Herzen kommt: schlagen, vernichten oder streicheln, verehren, das ist alles." Ich meine, nicht jeder Raufbold ist ein Kämpfer.