Hermann Rauschning: Die Revolution des Nihilismus. Neu herausgegeben von Golo Mann; Europa Verlag, Zürich; 360 Seiten, 17,50 DM.

Einige nationalsozialistische Unterführer verließen enttäuscht und verbittert Hitler, als er noch mächtig war. Die bedeutendsten sind die Brüder Strasser und Hermann Rauschning. Rauschning ist einer der konservativen Patrioten, die mit allen ihren Kräften den Volkssturmkampf führten und die Konturen der Gestalt Hitlers nur undeutlich sahen. Deshalb glaubten sie an ihn. Er war Senatspräsident in Danzig, zerfiel aber nach der Machtergreifung mit der Partei, weil sein Ruf nach Menschlichkeit und Vernunft ungehört verhallte. Er floh ins Ausland und traf dort die Marxisten und Demokraten, die er so lange bekämpft hatte.

Er verleugnete seine konservative Grundhaltung auch nicht, als er in der Emigration die beiden Bücher schrieb, die ihn draußen berühmt machten und die heute zu den wichtigsten Quellen für die Geschichte des Nationalsozialismus gehören, „Gespräche mit Hitler“ und „Revolution des Nihilismus“. Von den beiden ist das erste das spannendere, das zweite das wichtigere, weil es die Grundlagen des Nationalsozialismus aufdeckt, beschrieben von einem Manne, der dabei gewesen ist, seine Augen offen gehalten hat und sich der großen geistigen Überlieferung der Deutschen verbunden fühlt.

Golo Mann rät uns, das Buch auf doppelte Art zu lesen. Einmal enthält es eine Analyse des Hitlerschen Herrschaftssystems, die noch mitten im Frieden geschrieben und dann durch den Krieg bestätigt wurde. „Die häßliche Sphinx ist von Rauschning zum erstenmal mit ihrem rechten Namen benannt worden.“ Zum anderen gibt das Buch ein bleibendes Zeugnis für die Befürchtungen, Hoffnungen, Zweifel, Irrtümer der damaligen Zeit und ist schon deshalb eine Quelle hohen Ranges.

Rauschning hat als erster entdeckt, was so vielen seiner Anhänger und noch mehr seiner Gegner zu begreifen so schwer gefallen ist (und noch fällt): daß Hitler nicht die nationale und erst recht nicht die konservative Gedankenwelt der Deutschen verkörperte. Hitlers Ziel war die Macht, die wurzellose Macht. Er bediente sich der nationalen Strömung; aber wenn sie ihn hinderte, warf er diese Ideen beiseite. Er zerstörte die alten Bindungen und ersetzte sie durch eine einzige neue: die Bindung an die Macht, das heißt, an ihn. Er war im tiefsten ein Nihilist.

Als Rauschning diese Gedanken 1937 niederschrieb, glaubten ihm nur wenige. Die Ereignisse, die sich seitdem abgespielt haben, beweisen, daß Rauschning Hitler genauer sah, als damals die leidenschaftliche Agitation von Gefolgsleuten und Feinden ihn sehen wollte und als ihn noch heute manche gelehrte Historiker sehen, die seinem nationalen Pathos immer noch glauben – viel mehr, als Hitler selber daran geglaubt hat. Hitler verachtete die Menschen, er verachtete auch die Deutschen, die er vorgab zu lieben; er nahm alle die Worte von Volkstum und Brauchtum nicht ernst.

Für ihn war auch der Antikommunismus der Deutschen und der ausländischen Konservativen nichts als ein Mittel zum Zweck, nach oben zu kommen, Verbündete, Gefolgsleute zu finden, seine Macht zu erhöhen. Zwei Jahre vor dem Abkommen zwischen Ribbentrop und Molotow schrieb Rauschning, Hitler könne auch ein Bündnis mit Stalin schließen, was nicht bedeute, daß er nicht sehr bald daran gehen werde, Rußland aufzuteilen. Heute wissen wir das alle, aber 1937 mußte man Hitler schon sehr gut kennen, wenn man eine solche Voraussage wagen wollte. (Golo Mann erinnert daran, daß 1938 Carl J. Burckhardt von Hitler von seinem Plan, sich mit den Russen zu verbünden, unterrichtet wurde. Burckhardt, gewiß ein bedeutender Diplomat und ausgezeichneter Menschenkenner, hielt Hitlers eigene Mitteilung für Phantasterei und gab sie an die westlichen Regierungen nicht weiter.)