DOKUMENTATION

Erklärung der Sieben

Den Überlegungen, die Richard Alewyn über die „Universität als moralische Anstalt“ anzustellen sich genötigt sieht, stimmen wir mit dankbarer Genugtuung zu, erfüllt aber auch von eben der Sorge, die Alewyn bewegt. Er hat mit maßvollen, aber höchst bedenkenswerten Worten die Proportionen sichtbar gemacht, die unter der durch Walter Boehlich ausgelösten Lawine von Polemik unkenntlich zu werden drohten. Es geht in der Tat nicht mehr um die Fehlbarkeit einzelner Personen, sondern um das Ansehen einer, ja, der deutschen Universität überhaupt, und darum, daß die Einbuße, die dies Ansehen erlitten hat, mit einem gewiß nicht übermenschlichen Aufwand an rechtzeitiger Aufrichtigkeit hätte vermieden werden können.

Ebenso erleichtert wie Richard Alewyn sind wir über die jüngste Erklärung des Bonner Senats. Dennoch bedauern wir, daß der Senat sich nicht wenigstens in einem Punkte zu einem ausdrücklichen Widerruf hat entschließen können. Der unselige Satz vom „damals Üblichen“, der nicht so bald vergessen werden wird, bleibt ein schmerzhafter Stachel. Es hat nicht wenige Professoren gegeben, die es schon damals mit Abscheu von sich gewiesen haben, sich dem „Üblichen“ anzupassen. Statt sie zu ignorieren, sollte die deutsche Universität sich mit ihnen solidarisch erklären; das stünde ihr gewiß besser an, als die Anpassung an das jeweils Übliche als Norm zu sanktionieren. Gerade weil es heute keines außergewöhnlichen Mutes bedarf, klare Stellung zu beziehen, würden die Universitäten neue und erhebliche Schuld auf sich laden, wenn sie statt dessen zu Beschwichtigungsversuchen ihre Zuflucht nähmen.

Wir begrüßen es, daß der Bonner Senat entschlossen ist, „der Öffentlichkeit Rede und Antwort nicht schuldig zu bleiben“ und nicht zuzulassen, daß irgend etwas „beschönigt oder vertuscht, verschwiegen oder gar abgestritten wird“. Wir möchten aber hinzufügen, daß es zunächst Sache der Universität selber ist, ihr Werden und Wesen und auch ihre Verstrickungen und Verfehlungen zu erforschen. Wir sind davon überzeugt, daß jeder für Gegenwart und Zukunft der Universität verantwortlich ist, dem die Aufgabe zuteil geworden ist, an ihr zu lehren. Die „Verpflichtung der Wissenschaft zur Wahrhaftigkeit“, die der Bonner Senat beschwört, kann nicht wörtlich genug genommen werden. Sie schließt den Auftrag ein, auch der „dunklen Jahre“ der Universität ohne Scheu, frei von ängstlicher Beschönigung wie von moralischer Überheblichkeit, zu gedenken und nicht zu wähnen, daß nicht auch die Zukunft Entscheidungen fordern könnte.

Wir sind gewillt, uns dieser Verpflichtung nicht zu entziehen.

Professor Dr. Karl Heinz Borck (Hamburg)