Oper von Giuseppe Verdi

Stadttheater in Bremerhaven

Nun hat das Verdi-Jubiläum von 1963 doch noch Frucht getragen. Als das Stadttheater in Bremerhaven den 150. Geburtstag des italienischen Komponisten mit einem Opernkonzert "Der unbekannte Verdi" feiern wollte, entdeckte man in der "Attila"-Oper von 1845/46 einen überraschenden Schatz. Intendant Erich Thormann ergriff die Initiative und inszenierte über Hürden hinweg die deutsche Erstaufführung. Mangels einer deutschen Übersetzung wird dieser Verdi in Bremerhaven italienisch gesungen. Nach der Premiere im Mai 1964 hatte "Attila" einen Publikumserfolg wie in Bremerhaven sonst nur der "Zigeunerbaron".

Die Gründe dieses Verdi-Wunders von Bremerhaven liegen zu gleichen Teilen, im Werk und in der Wiedergabe. Das Libretto interessiert nur historisch. Nach einem Schauspiel des Deutschen Zacharias Werner haben Solera und Piave eine romantische Liebesgeschichte und eine Haupt- und Staatsaktion gedrechselt, die mit Gift und Dolch und dem Auftritt Papst Leo des Großen um den Hunnenkönig in Italien spielt. Auch die Anspielungen dieser frühverdischen "Freiheitsoper" auf das italienische Risorgimento sind gegenstandslos geworden. "Musiktheater" im Sinne Felsensteins ist damit nicht zu machen. Wohl aber "Oper" als Stimmentheater.

Die Partitur enthält eine Perlenschnur von Arien, Solisten- und Chor-Ensembles, die Finali wirken umwerfend. Nach dem "Nabucco", noch vor der "Sizilianischen Vesper" und dem "Don Carlos" komponiert, erscheint in "Attila" fast der ganze Verdi in seinen musikalischen Modellen. Sie reichen von Vorklängen des "Traviata"-Vorspiels bis zur "Sturm"-Musik in "Othello" und von den Staccato-Chören des "Maskenball" bis zum großen Operntableau in "Aida". Fasziniert wird der Zuhörer von der Frische und Dichte der melodischen Erfindung ebenso wie durch die gesangsdramatische Ballung eines nur scheinbaren "Arienbündels".

Diese Oper will gesungen werden. Daß eine zureichende Wiedergabe heute im Theater einer jungen deutschen Stadt von 145 000 Einwohnern möglich ist – darin bestand der andere Teil des Verdi-Wunders von Bremerhaven. Ein Hauptverdienst erwarb sich der Generalmusikdirektor Hans Kindler. Er gewann der Streicher-Kantilene Verdisches Brio ab und setzte hart die rhythmischen Akzente. Der Dirigent hielt die Ensembles selbst dann noch fest in der Hand, als er die Sänger in halsbrecherische Tempi gejagt hatte. Bewundernswert war die Stimmenpracht der vier Hauptsolisten, obwohl die jungen Sänger mit ihrer Kraft technisch zuweilen ein wenig mörderisch umgingen. Diese Namen aber muß man sich merken: Dieter Weller (Attila); Jan C. Derksen (schon nach Hannover engagiert); Anita Salta (welch ein Sopran!) und sogar ein lyrischer Verdi-Tenor: Carl Kaiser.

Ich war skeptisch gekommen, ich ging überwältigt. Johannes Jacobi