Von Robert Lucas

Das Ereignis verdient mit Nachdruck vermerkt zu werden: Eine Frau hat den diesjährigen Nobelpreis für Chemie erhalten. Kann doch selbst die leidenschaftlichste Feministin kaum behaupten, daß die Angehörigen ihres Geschlechts vornehmlich zu naturwissenschaftlichen Großleistungen befähigt seien. 148 Männern ist bisher die höchste Auszeichnung der Welt für ihre Forschungen auf den durch so schwankende Grenzen getrennten Gebieten der Physik und Chemie verliehen worden, aber nur vier Frauen: Marie Curie (1911, acht Jahre vorher war ihr, mit ihrem Gatten Pierre zusammen, der Physikpreis zuteil geworden), Irene Joliot-Curie (gemeinsam mit ihrem Gatten), die amerikanische Physikerin Maria Goeppert-Mayer (1963, geteilter Preis) – und nun Dorothy Crowfoot Hodgkin.

Wer ist diese Engländerin mit dem bisher noch ungeläufigen Namen? Was für eine Art von „egg-head“ ist sie, die so unerwartet ihren Platz auf dem Olymp des Geistes eingenommen hat? Man vergleicht ihre Photographie mit den Bildern ihrer Vorgängerinnen. Gibt es da physiognomische Parallelen, die auf die Gleichartigkeit ihrer Begabung hinweisen? Man betrachtet die fast tragischen, strengen, von einem maskulinen Verstand zeugenden Züge Marie Curies und das verschlossene, schmallippige Gesicht ihrer Tochter Irene Joliot. Und dann wendet man sich dem Bild Dorothy Crowfoot Hodgkins zu – und ist fasziniert, bewegt, in eine andere Welt versetzt.

Es ist ein Gesicht, das nur einer Engländerin gehören kann. Es hat eine sonnige Jugendlichkeit, die vom Alter unabhängig ist, und wirkt gleichzeitig in einer seltsamen Weise altmodisch, als ob es das Gesicht einer Romangestalt des vergangenen Jahrhunderts wäre oder das einer der bedeutenden Schriftstellerinnen, an denen die englische Literatur jener Zeit so reich war.

Sie wurde vor 54 Jahren, als Ägypten unter britischer Verwaltung war, in Kairo geboren, wo ihr Vater, Dr. J. W. Crowfoot, eine leitende Stellung im Unterrichtsministerium bekleidete. Später wurde er Direktor des Gordon College in Khartum. Die ersten Kindheitseindrücke der Nobelpreisträgern stammen denn aus dem flammenden Gelb und Rot des Sudan. Es ist ein herrliches Land nicht zuletzt für Archäologen wie ihren Vater, von dem sie die Vorliebe für die Detektivabeit der Ausgrabungen geerbt hat. Noch heute führt sie im „Who’s Who“ als das erste ihrer Hobbys die Archäologie an.

Nachdem sie ihre Studien in Oxford beendet hatte, schloß sie sich Professor J. D. Bernal an, der unmittelbar vorher die Leitung des gerade geschaffenen Kristallographischen Laboratoriums in Cambridge übernommen hatte. Das Arbeitsgebiet, das sie gewählt hatte, war damals noch wissenschaftliches Neuland: Die Untersuchung der Kristallstruktur komplizierter organischer Substanzen mit Hilfe von Röntgenstrahlen. Es erregte großes Aufsehen, als sie 1933 zusammen mit Bernal die ersten Röntgenphotographien von Protein- und Pepsinkristallen herzustellen vermochte und damit zwei wichtige und für jene Zeit überraschende Tatsachen bewies, nämlich daß diese Substanzen aus hochorganisierten Molekülen bestehen und daß ihr Aufbau mit Hilfe der Beugungserscheinungen von Röntgenstrahlen ergründet werden kann.

In welchem Maße dies möglich ist, zeigte Dorothy Crowfoot Hodgkin, als sie nach dem Kriege die Leitung eines Laboratoriums in Oxford übernahm. Es handelte sich um eine recht improvisierte Affäre in den melancholischen Souterrainräumen des Universitätsmuseums. Aber hatte nicht schon Marie Curie bewiesen, daß ein Wissenschaftler nicht die perfekten Einrichtungen amerikanischer Institute benötigt, um Entdeckungen von großer Reichweite zu machen?