Da ist es erstaunlich, daß der Gedanke, dem Verbraucher den deutschen Wein dadurch schmackhafter zu machen, daß er als Markenwein angeboten wird, nur sehr zaghaft an Boden gewinnt. Eine Arbeitsgemeinschaft Markenweine propagiert diesen Gedanken, der traditionsbewußten Winzern fast als ein Skrileg erscheinen mag: „Die Absatzwege moderner Wirtschaft münden bei fast allen Gütern im für den Verbraucher problemlosen Vertrauenskauf. Niemand kann von der Hausfrau beim Einkauf von Wein erwarten, daß sie jedesmal ein Weinlexikon mitnimmt. Sie wünscht vielmehr eine leichte Marktorientierung, eine gleichbleibende Qualität und gleichen Geschmack, gleichbleibendes Aussehen in der Aufmachung der Flasche und langfristig auch unveränderte Preise.“

Daß dieser Weg Erfolg verspricht, zeigen wohl die Erfahrungen der Moselweinkellerei Langguth Erben in Traben-Trarbach, die mit ihrem Himmlischen Moseltröpfchen“ einen Anteil von zwei Prozent am Weinmarkt haben. Die Edeka-Zentralkellerei in Bingen rechnet für dieses Jahr mit einem Absatz von 23 Millionen Flaschen Wein, davon ein Drittel Markenweine. Allein von der Marke „Güldenwein“ wurden 3,5 Millionen Flaschen verkauft.

In den Kellern der „St. Ursula“ werden vorerst einmal jeden Tag 50 000 Liter in Einwegflaschen abgefüllt, die – auch darin eine Abkehr vom Altgewohnten – mit einem Schraubverschluß versehen sind. Doch man rechnet mit Zuwachs: Die Lager-, Veredlungs- und Abfüllanlagen sind auf eine Jahreskapazität von 20 Millionen Liter berechnet. Für ihren „Goldenen Oktober“ – so der Markenname – erhofft sich die St. Ursula Weingut und Weinkellerei immerhin einen Marktanteil von fünf Prozent.

Daneben bleibt genügend Raum für andere Unternehmen. Und die Manager von „St. Ursula“ lassen es sich auch nicht verdrießen, wenn sie mit ihrer Werbung und ihren Verkaufskampagnen für den „Goldenen Oktober“ gleichzeitig für den Markenwein überhaupt „einen Markt machen“.

Immerhin bedarf es jedoch beträchtlicher Mittel, um auf diesem Markt als Konkurrent aufzutreten. „St. Ursula“ hat ein Stammkapital von 5 Millionen Mark. Die Investitionen betragen ein Mehrfaches. Da sind einmal die Kellereien – fast ist man versucht zu sagen: die Fabrik –, für die zwischen 15 und 20 Millionen Mark aufgewendet werden mußten; die Finanzierung des Weines dürfte mit 5 bis 6 Millionen Mark zu Buch schlagen. Insgesamt also ein Anfangskapital von etwa 25 Millionen Mark.

Aber damit ist der Wein noch nicht beim Verbraucher. „St. Ursula“ kommt nun zugute, daß die Allgäuer Alpenmilch einen gut ausgebauten Vertriebsapparat besitzt. Und das dürfte auch einen wichtigen Entschluß präjudiziert haben: Der „Goldene Oktober“ wird ausschließlich über den Lebensmitteleinzelhandel verkauft – Wein neben Kondensmilch im Regal des Supermarktes. In Gaststätten und Spezialgeschäften wird man vergeblich danach fragen.

Damit stellt die Hausfrau an den Markenwein allerdings auch die gleichen Anforderungen wie an ihre bevorzugte Teesorte im nächsten Regal: Gleichbleibende Qualität und gleichbleibender Geschmack. Was Regen und Sonne über Mosel und Rhein den Reben Gutes oder Schlechtes getan haben – der Kellermeister muß es wieder ausgleichen durch Mischung der Weine. Das wurde zwar auch früher schon gemacht, aber hier wird es nun unabweisbare Notwendigkeit.