Von Marion Gräfin Dönhoff

Seit Jahren hatte ich mir gewünscht, jemand möge einmal wenigstens einige der abenteuerlichen Geschichten aufzeichnen, die „Carol“ zu einer bewunderten und beanstandeten, in jedem Falle aber sagenumwobenen Persönlichkeit Ostpreußens hatten werden lassen. Bestaunt und zugleich beanstandet, weil er in seiner Zeit und seiner Welt wie eine Atombombe wirkte.

Er sprengte jede Konvention und durchbrach alle herkömmlichen Grenzen bürgerlicher Vorstellung mit ungebändigter Lebenskraft und einem abgründigen Sinn für das Possenhafte. Er genoß es, sich in einer hierarchisch geordneten, ständisch gegliederten Welt, die von ihrer eigenen Dauerhaftigkeit und zeitlosen Respektabilität erfüllt war, die Narrenkappe aufzusetzen. Weniger um das Publikum zu verblüffen, als um die Relativität einer Welt zu demonstrieren, die dazu neigte, sich selbst als Absolutum zu setzen.

Er sprengte alle Konventionen ... was aber nicht heißt, daß er, der Grandseigneur praebourgeoiser Zeiten, nicht auch einen verbindlichen Kodex gekannt hätte: Absoluter Verlaß war auf sein Ehrgefühl und seine Menschlichkeit, die sich dem Starken gegenüber meist als Spott manifestierten, dem Schwachen aber eine immer wache Hilfsbereitschaft garantierten.

Über ihn ist jetzt ein Büchlein erschienen –

Kl. Kloothboom-Klootweitschen: „Der Carol“; Gräfe und Unzer Verlag, München; 128 S., 8,80 DM.

Es ist eine Sammlung der tollsten Schwänke und verrücktesten Geschichten, die sich der Graf Sassenburg in Eichenort, wie er hier genannt wird, geleistet hat. Sein wirklicher Name war Carol Graf von Lehndorff, Herr auf Steinort, einem der schönsten Besitze Ostpreußens, der seiner Familie seit dem 14. Jahrhundert gehörte. Als Carol 1935 starb, vererbte er Steinort seinem Neffen Heinrich Lehndorff, der 1944 nach dem 20. Juli am Galgen von Plötzensee sein Leben ließ.