Die Krise Afrikas war 1964 die Krise am Kongo. Sie wird auch die Krise des neuen Jahres sein. Weder die UN noch die Kongo-Kommission der „Organisation für afrikanische Einheit“ (OAU), weder die Militäraktionen der Amerikaner und Belgier noch die Versöhnungsversuche Tschombes vermochten Afrikas „krankes Herz“ zu kurieren.

Der Bruderkrieg zwischen den Rebellen und den Regierungstruppen breitete sich über das halbe Land aus, als im Juni die letzten UN-„Blauhelme“ den Kongo verließen. Moise Tschombe, gegen den sie gekämpft und der vor ihnen ins spanische Exil geflüchtet war, wurde von Präsident Kasawubu zurückgerufen. Doch der als Retter gefeierte Kongolese goß nur neues Öl ins Feuer: Er stellte eine Truppe weißer Söldner auf und ließ seine Soldaten morden und plündern. Der Rebellen unter Gbenye aber, die nach jeder Niederlage erneut zum Angriff antraten, wurde er nicht Herr.

Wie Tschombe die Verachtung fast aller anderen afrikanischen Politiker erntete, die ihn von ihrer Kairoer Gipfelkonferenz aussperrten, so machten sich auch die Amerikaner und Belgier unbeliebt, die ihn mit Flugzeugen, Waffen und Militärberatern im Kampf gegen die Aufständischen unterstützten.

Unterdessen werden die Rebellen im Nordosten des Landes von Ägypten und Algerien mit modernem, sowjetischem Kriegsmaterial ausgerüstet. Die Chinesen leisten propagandistische Schützenhilfe. In Washington befürchtet man, daß aus dem Kongo ein „zweites Vietnam“ werden könnte, zumal wenig Hoffnung besteht, daß die Afrikaner selber Frieden stiften. Nachdem die UN scheiterte, droht den Vermittlungsbemühungen der OAU das gleiche Schicksal.

Von allen Prophezeiungen jedenfalls, die im vergangenen Jahr über die Zukunft des Kongos ausgesprochen wurden, scheint sich nur die eines nigerianischen UN-Offiziers zu bewahrheiten: „Dieses Volk wird auch in zehn Jahren nicht für die Unabhängigkeit reif sein.“