Eine Idee, von der viele Menschen im Augenblick erfüllt sind, sagt, daß im neuen Jahre alles besser sein wird. Das ist auch sehr wohl möglich. Vorausgesetzt, daß die guten Vorsätze, die wir „zwischen den Jahren“, nämlich in der Zeit von Weihnachten bis Silvester, gefaßt haben, genug Lebenskraft besitzen, zwölf Monate lang nicht zu verwelken. Aber es geht mit den guten Vorsätzen oft wie mit Kugeln, die nach energischem Anstoß flott dahinrollen und schließlich doch, sofern die Bahn nicht abschüssig wird, stets neuen Anstoßes bedürfen. Übrigens geht’s mit den schlechten Vorsätzen ebenso. Mögen sie also auf der Strecke bleiben.

Aber im Augenblick haben wir angesichts des neuen Jahres unsere lobenswerten Absichten so hübsch beisammen, daß wir, würden die Bundestagswahlen im Januar, anstatt im Herbst, stattfinden, gewisse Chancen hätten, die beste aller möglichen Regierungen zu erhalten. Ob wir im Herbst dazu noch fähig sind, steht dahin.

Indessen ist festzustellen, daß fast alle Menschen mit Gefühl für runde Zahlen dem Jahre 1965 angenehme Empfindungen entgegenbringen. Vielleicht wirkt dabei ein Symbolzauber auch insoweit mit, als viele Männer pensioniert werden, wenn sie 65 Lenze zählen. Zugleich, sagt uns aber schon ein Minimum an historischen Kenntnissen, daß in den Jahren, die auf 65 lauten, für die deutschen Verhältnisse nichts sonderlich Schreckliches los war. Nehmen wir beispielsweise das Jahr 1865 – wir haben im Geschichtsunterricht von diesem Jahre keinen Gebrauch gemacht. Es sind also in den kommenden zwölf Monaten keine Hundertjahr-Gedächtnis-Ärgernisse zu erwarten. Und mehr als hundert Jahre brauchen wir ja nicht zurückzugehen.

Wenn wir nun aber dem neuen Jahre fröhlich entgegensehen, weil es eine so hübsche Zahl hat, so wollen wir gleichwohl das vergangene Jahr nicht schlechtmachen, mögen auch viele gute Vorsätze in seinem Verlauf verblaßt, verronnen, verblüht sein. Nicht nur ist unsere Bund regierung in Bonn ganz zufrieden mit 1964 gewesen – sonst hätte sie ja wohl darauf verzichtet, in der Art löblicher Geschäftsleute ihre Rechenschafts-, sprich: Erfolgsberichte am Jahresschluß dem staunenden Volke vorzulegen –, sondern auch ich war ganz zufrieden, wenn auch aus anderen, rein privaten Gründen, die preiszugeben ich nicht berechtigt bin, weil meine Zufriedenheit mit dem abgelaufenen Jahre nicht auf dem alleinigen eigenen Mist gewachsen; ist.

So grüße ich denn meine Freunde des Jahres 1964 und bitte sie, mir auch. Freund des Jahres 1965 zu sein. Es wird ja auch viel besser gehen; es ist die hübschere Jahreszahl.