Aber nicht die Einwendungen Zechlins gegen Fischers Beweisführung sind die entscheidenden Merkmale seines Aufsatzes. In seinen wesentlichen Teilen verlafit Zechlin die Ebene der Polemik und baut ein neues, ein uberraschend kfihnes Gebaude der Interpretation deutscher Kriegszielpolitik auf. Den Lesern der ,ZEIT" ist einiges von der Zechlmschen Darstellung schon aus einem Vorabdruck bekannt. Liest man jetzt den vollen Wortlaut, dann kann man den Scharfsinn der Beweisfuhrung, die Genauigkeit der Interpretation, die Bedeutung fur unsere Erkennmis erst recht wurdigen.

An dieser Stelle genugt es festzustellen, dafi Zechlin mit einer These bricht, die in zwei Menschenaltern der Forschung festgehalten worden ist: dafi Bethmann Hollweg nicht mit dem Kriegseintritt Grofibritanniens gerechnet habe. Der Reichskanzler, so wie Zechlin ihn sieht, hat von vornherein die englische Kriegserklarung ffir moglich gehalten. Er kannte die Bindungen Grofibritanniens an Rufiland und Frankreich, und gerade die Tatsache, dafi Grey ihm im Sommer 1914 ausweichenden, hart an Luge grenzenden Bescheid daruber gab, mufite ihn noch in seiner Uberzeugung bestarken, dafi der Kriegseintritt Englands zwar nicht gewifi, aber doch moglich, ja wahrscheinlich sei. Die Bedeutung dieser. These ist kaum zu uberschatzen. Wenn sie von der Wissenschaft anerkannt wird, wird ein neues Kapitel der Forschung fiber den Juli 1914 beginnen. Die Frage liegt nahe, warum unter solchen Umstanden Bethmann im Juli 1914 keine geschmeidigere Haltung eingenommen hat, warum er nicht alles versucht hat, den Krieg gegen die gewaltige Ubermacht vori drei Grofimachten zu vermeiden, auch um den Preis der politischen Demutigung, des ,neuen Olmfitz" willen. Zechlin gibt eine fiberraschende, aber einleuchtende Antwort darauf. Bethmann war ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts; er glaubte, der Krieg werde wie ein Kabinettskrieg alten Stils gefuhrt werden, nach einigen Schladiten werde man sich mit den Gegnern, auch mit Grofibritannien, wieder arrangieren, jeder der Kriegfiihrenden werde die Unabhangigkeit und das Lebensrecht der anderen anerkennen, und auf dieser Grundlage werde man Frieden schliefien konnen. Als dann aber England mit voller Wucht den Krieg fiihrte, als es eine starke Expeditionsarmee auf das Festland sandte, als es den volkerrechtswidrigen Handelskrieg begann, als es alle Krafte aus der Tiefe gegen Deutschland aufrief, brach fur Bethmann eine Welt zusammen. Nicht der Kriegseintritt Grofibritanniens, sondern der Niederwerfungswille der britischen Kriegsfiihrung war ffir ihn das Ende seiner Vorstellungen.

So erklart sich denn auch die berfihmte (oder berfichtigte) Denkschrift der Reichsregierung vom September 1914, in der Bethmann und seine Mitarbeiter den Entwurf einer grofien festlandischen Wirtschaftsunion mit Deutschland als Ffihrungsmacht zu Papier brachten. Fiir Fischer beweist sie die ,Kontinuitat" deutscher Weltmachtpolitik vor und nach dem Kriege, fur Zechlin gerade die nahe Wandlung bei Bethmann. Die Septemberdenkschrift, so darf man vereinfachend sagen, war dieAntwort auf den englischen Niederwerf ungswillen, ein politisch wirtschaftliches Instrument der Abwehr, nicht des Strebens nach Herrschaft. Sie sollte dazu dienen, dafi sich Deutschland nach dem Kriege gegen einen Gegner behauptete, der das Reich von den Weltmeeren abschnitt. Lieber aber als die Fuhrung Deutschlands in einer festlandischen Wirtschaftsunion hatte der Kanzler es gesehen, wenn Deutschland wieder Anteil am Weltmarkt gewonnen hatte.

Das alles sind diplomatisch wirtschaftspolitische Erwagungen und Vorgange von der hochsten Bedeutung. Aber durch sie schimmern auch die Zfige des Menschen Bethmann, eines Mannes von vielleicht zu griiblerischem Ernst, als dafi er ein Reich in der Stunde seiner schweren Bedrohung hatte ffihren konnen, aber doch auch von der hochsten menschlichen Vornehmheit. Zechlin veroffentlicht einen Brief des (damals bereits gestiirzten) Kanzlers vom Januar 1918 an den Prinzen Max von Baden, in dem, zum Teil in Satzen von grofier sprachlicher Schonheit, Gfiltiges fiber die europaische Kollektivschuld an dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gesagt wird. Er verdiente, in die Schullesebficher aufgenommen zu werden.

Man weifi, dafi Bethmann immer zu seiner Politik vom Juli 1914 gestanden hat, dafi er immer fiberzeugt davon war, diese Politik sei in der Welt von damals, so wie sie nun einmal war, die einzig mogliche fur Deutschland gewesen. Aber er hoffte nun, dafi diese alte Welt zu Ende sei. ,Der Imperialismus, Nationalismus und wirtschaftliche Materialismus, der wahrend des letzten Menschenalters in der grofien Linie die Politik bestimmte, setzte sich Ziele, deren Verfolgung ffir jede einzelne Nation nur auf Kosten eines allgemeinen ZusammenstoSes moglich war " So ist die Menschheit in einen Abgrund geraten, sie kann vor Gott und der Welt nicht entsundigt werden, wenn sie sich nicht entschlossen von der Geistesverfassung der nationalen Selbstsucht abwendet. Und dann folgen bittere Worte fiber den Knechtsinn und die Sehnsucht, gehorchen zu dfirfen, bei den fiihrenden deutschen Poiitikern. Diese Anklage wird abgelost vori dem Blick in eine neue demokratischere Zukunft.

Beim Abschied von diesem bedeutenden Aufsatz erwacht wieder das Bedauern daruber, dafi Bethmann gesturzt wurde. Wenn man die Reihe der deutschen und alliierten Staatsirianner im Ersten Weltkriege iiberblickt, findet man einige von gewaltigerer Willenskraft, keinen aber von so tiefer Einsicht in die Notwendigkeiten kiinftigen Tuns.