Von Paul Sethe

Es ist unwahrscheinlich, daß spätere Generationen die letzten zwölf Monate ein Jahr der großen Entscheidungen nennen werden. Aber sie sind in diesem Zeitraum vorbereitet worden. Altes beginnt zu versinken, Neues wird sichtbar, wenn auch noch in unbestimmten Umrissen. Von Unbeweglichkeit, Verharren, Versumpfen kann keine Rede mehr sein. Alles ist im Fluß.

Die Vielfalt der Ereignisse ist verwirrend. Eine weltpolitische Hauptlinie des Geschehens hebt sich heraus: die beiden großen Bündnisse des Erdballs haben sich weiter gelockert; die Zahl der Mitglieder mehrt sich, die sich herzlich wenig um die Wünsche des Nachbarn und Freundes kümmern. Im strengen Sinne des Wortes gibt es keinen Block mehr, wenn man unter Block eine festgefügte, erzene Masse ohne Risse und Sprünge versteht. Die Weltpolitik wird immer vielfältiger, farbenreicher, mannigfacher – und ihre Bewältigung wird für die Handelnden damit immer schwieriger.

Der General de Gaulle hat, solange er regiert, noch nie seinen Anspruch auf französische Größe und französisches Eigenleben in der Politik mit soviel Stolz verkündet wie in diesem Jahre. Seine Weigerung, über ein bescheidenes Maß hinaus Opfer an Eigenständigkeit seiner Armee für das Bündnis zu bringen, wurde unüberhörbar deutlich vorgetragen. Dem deutschen Freunde drohte er, die wirtschaftliche Gemeinschaft zu sprengen, wenn seine Wünsche nicht erfüllt würden. In das deutsch-französische Zwiegespräch mischten sich von Paris her immer schärfere Töne der Enttäuschung und Verärgerung; gelegentlich wurden sie von Bonn, nicht immer ganz glücklich, mit ähnlicher Verstimmung beantwortet.

Die tragikomische Ironie bei der deutsch-französischen Spannung liegt darin, daß es keinen Rivalitätskampf zwischen Deutschland und Frankreich gibt. Aber jedesmal, wenn der General de Gaulle sich gegen die Bundesrepublik wendet, meint er eigentlich die Macht jenseits des Ozeans, die als Führungsmacht anzuerkennen er sich weigert. Den getreuesten Verbündeten der Vereinigten Staaten wird Charles de Gaulle immer mit Mißvergnügen betrachten, mit diplomatischen Nadelstichen traktieren, mit Drohungen zu ängstigen versuchen; sobald wir die Taue kappen, die uns an das amerikanische Staatsschiff binden, sobald wir im Kielwasser der französischen Fregatte folgen, werden wir für de Gaulle wieder „ein großes Volk“ sein.

Aber wenn in der eindrucksvollen Gestalt des Generals das Streben nach Unabhängigkeit innerhalb des westlichen Bündnisses auch am stärksten bildhaft wird – ganz fehlt es auch in anderen Ländern nicht. Die Briten stellten für ihren Beitritt zur atlantischen Atomflotte Bedingungen, die das Wesen dieser Flotte aufheben können, vielleicht aufheben sollen. Griechen und Türken standen im Sommer einander wochenlang so feindlich gegenüber, daß der Eckpfeiler des Bündnisses an dieser Stelle einzustürzen drohte. Und jedesmal, wenn die westliche Führungsmacht den Grundgedanken des Bündnisses am Kongo oder in Südostasien zu verwirklichen suchte, ging eine Welle des Mißbehagens durch die befreundeten Völker; sich diesen amerikanischen Versuchen anzuschließen, wünschte keine Regierung des Westens.

Aber auch im östlichen Block haben sich die klaffenden Sprünge verbreitert. Der Begriff des Satellitentums ist nicht aufgehoben, aber seiner ursprünglichen Strenge entkleidet. Die Rumänen machten kein Hehl mehr daraus, daß sie die Handelspartnerschaft mit dem Westen für lebenswichtig halten, daß sie ihre Wirtschaft nicht allein von den Sowjets abhängig machen wollen. Die Kommunistische Partei dieses Landes wagte es, zusammen mit anderen ost-mitteleuropäischen Parteien ihren Verdruß über den Sturz Chruschtschows offen kundzutun, ein Vorgang, der in früheren Jahren undenkbar gewesen wäre.