H. W., Kiel

Die dänischen Nachbarn hatten zum Endspurt angesetzt. Die Nachfahren der Wikinger waren wieder zu Hauf an Bord ihrer Schiffe gegangen, auf der Suche nach Alkohol in Schleswig-Holstein – Alkohol in jeder Menge und von jeder Sorte, in Flaschen und Fläschchen; soviel, wie es der dänische Staat nach den Zollbestimmungen zuließ.

Denn da lag für die Dänen der Hase im Pfeffer: Am 1. Januar, von null Uhr an, dreht ihnen ihr Finanzminister Paul Hansen, auf den sie deshalb bitterböse sind, den Schnapshahn zu. Er gönnt seinen Landsleuten zwar ihren Wein, ihren Kognak, ihren Likör und ihren Sekt. Nur – sie sollen das alles in Dänemark kaufen. Und deshalb verfügte er, daß vom 1. Januar an der dänische Staatsbürger nur noch eine Flasche Wein, 3/4 Liter Alkohol und 200 Zigaretten, die in Dänemark hoch versteuert werden, zollfrei einführen darf, wenn er zuvor drei Tage im Ausland gewesen ist. Bislang konnten die dänischen Alkohol- und Zigarettenfreunde von jeder Fahrt ins benachbarte Ausland diese Menge zollfrei an Land bringen.

So hatten in den letzten Wochen die Ostsee-Schnapsfähren Hochbetrieb. Tag für Tag fuhren Zehntausende aus Dänemark nach Kiel, Eckernförde, Flensburg, Kappeln und kauften an Bord der Fährschiffe die zollfreie Ware ein, um sie dann in Koffern, Tragetaschen, Aktentaschen wieder nach Hause zu bringen. 20 Fährlinien gab es zu Jahresbeginn, 57 sind es heute. Und, alle schwammen auf dem riesigen Alkoholboom mit. Der trieb dann zuweilen auch seltsame Blüten. So charterten die 450 Einwohner der dänischen Kattegatt-Insel Samsö ein Schiff und riskierten für die Ration zollfreier Waren eine sechseinhalbstündige Fahrt nach Kiel, einen zweistündigen Aufenthalt in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt und die lange Fahrt zurück.

Die dänischen Geschäftsleute rangen die Hände. Ihre Umsätze gingen im letzten Jahr rapide zurück. Aber nicht nur sie waren der Meinung, daß ein. Zapfenstreich für die Schnapsfahrten vonnöten sei. Dänemarks Zollbehörden haben ausgerechnet, daß dem Staat durch diese Einfuhren jährlich rund 90 Millionen Mark verlorengingen. Allein in einem der letzten Monate wurden von den Fährschiffen rund 63 Millionen Zigaretten und 155 000 Flaschen Alkohol zollfrei an Land gebracht.