Liebe Tochter,

die Katze hat sich’s auf dem Stapel vergilbter News of the Week in Review der New York Times gemütlich gemacht. Sie starrt mich unverwandt an, anstatt die Maus zu jagen.

Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was wir entdeckten, nachdem Du weg warst. Aus der Küche hatte Pia die Maus tatsächlich verscheucht – durch bloße Anwesenheit, denn sie ist zu klein oder zu satt oder zu vornehm, um zu tun, was die Natur ihr befehlen sollte.

Und was glaubst Du, wo wir sie wiederfanden – ich meine die Maus? In der absoluten Stille nach Deinem Aufbruch höre ich es in einem der Bücherregale rascheln. Guckt doch unter Edgar Allan Poes Erzählungen ein widerlich glatter langer Mäuseschwanz vor! Mut gefaßt, ganzes Amerika-Fach ausgeräumt. In der hintersten Ecke sahen wir dann die Bescherung: inmitten eines Papierschnitzelberges zwei stecknadelkuppengroße Mäuseaugen. Mit einem Satz vom (für Mäuseverhältnisse) Hundertmeterbrett rast sie zum Kamin, verschwindet unter den Holzscheiten daneben. Pia? Keine Spur von Pia. Und was hatte es genagt, das Mäuslein? Ein Comic-Heft. Titel der Reihe: The Phantom; Titel des Heftes: Lost Case. Ungelogen.

Nehme an, die Schwarte hat Dein Bruder da mal reingeschoben, zwischen Melville und Whitman. Welch ein Glück, stell Dir vor, das Biest hätte sich für die schöne Thomas-Wolfe-Ausgabe interessiert. Leider hat sie nicht Mark Twains „Tod oder Leben“ gefressen, stand auch dicht dabei. Aber um ihr Leben geht es jetzt – Tierliebe hin oder her. Literarisch gefräßige Mäuse, das ist zuviel in diesem Krähwinkel-Haus.

Läuft mir doch eben Pia mit ihren Samtpfoten über diesen Brief. Die Times ist ihr anscheinend schon wieder zu langweilig. Keiner will mich heute in Ruhe schreiben lassen. Dabei möchte ich Dir so gern ein „Glück auf!“ nach München schicken, damit Dir die Stadt ein bißchen leichter wird nach den Feiertagen in Krähwinkel. Du fuhrst nicht so neugierig wieder ab wie früher – auch nicht so leicht. (Pia hat sich endlich aufs Telefon gesetzt – prima, kann ich nicht ran, wenn’s klingelt.)

Ich reibe mir natürlich die Hände, weil ich den Eindruck hatte, daß Dir ein paar Tage Familie doch ganz gut gefielen nach den ersten Monaten Freiheit. „Wenn Sie dann raus ins Leben treten ...“ Ich höre meinen Klassenlehrer noch heute die törichten Anforderungen der Schule mit diesem bedeutenden Satz rechtfertigen. „Draußen im Leben“ konnte ich leider sehr wenig von dem gebrauchen, was wir angeblich für eben dieses Leben lernen mußten.