Von Hermann Funke

Am Morgen des 6. Juni 1964 versammelten sich etwa zwanzig Damen und Herren, Mitglieder des Stadtparlaments von Hannover, im obersten Stockwerk des Hotel Royal (SAS-Hotel) in Kopenhagen. Rudolf Hillebrecht, Stadtbaurat von Hannover, half, Zeichnungen an die Vertäfelung des Panorama-Cafes zu kleben. In der Mitte des Raumes stand auf einer Kiste ein fremdartiges Ding, ein bizarres Gebilde, halb Plastik, halb Gebäude; daneben ein friedlich dreinschauender Pfeifenraucher mit grauem Haar: Professor Arne Jacobsen. Der berühmte dänische Architekt will den Hannoveranern dieses Ding in ihren Großen Garten stellen.

Der Große Garten in Hannover-Herrenhausen ist der einzige unverändert erhaltene Barockgarten Deutschlands. Er hat noch heute im wesentlichen dieselbe Form wie im Jahre 1714, als die Kurfürstin Sophie, die über dreißig Jahre lang den Ausbau des Großen Gartens geleitet hatte, in einem seiner Pavillons starb. Ihr Schwager Herzog Johann Friedrich hatte den Garten 1666 gegründet.

Der dreihundertste Geburtstag des Großen Gartens ist ein guter Grund zum Feiern. Bis dahin – bis 1966 also – soll das Gebilde, das sich der Bauausschuß in Kopenhagen vorführen ließ, dort stehen, wo bis 1943 das Schloß stand, nämlich am Kopfende auf der Mittelachse des 900 auf 500 Meter großen, streng geometrisch angelegten Gartens. Und es ist nicht nur für die Feierlichkeiten bestimmt, sondern soll dort stehenbleiben.

Das alte, im letzten Krieg zerstörte Schloß, Sommerresidenz derer von Hannover zu Braunschweig und Lüneburg, hatte auf zwei Seitenflügeln große Dachterrassen, von denen aus der Hofstaat die Aussicht in den Garten genießen konnte. So ein Barockgarten mit seiner Ornamentik ist – ähnlich wie ein Orientteppich – nicht nur zum Betreten, sondern auch zum Begucken gedacht. Seinen ganzen strengen Reiz entfaltet er dabei nur dem Betrachter, der einen erhöhten Standpunkt auf der Hauptachse der Gartengeometrie einnimmt. Dieser Platz an den Mittelfenstern des Schlosses war für den Souverän reserviert. Der Haupteingang zum Garten führte durch das Schloß.

Ein Neubau auf dem Schloßgrundstück muß dem Garten wieder einen Hauptbau und einen Haupteingang geben und muß die Aussichtsmöglichkeit neu schaffen – gleich, welchen Zwecken er im übrigen dient.

Tatsächlich ist es aber nicht gleich, welchen Zwecken der Hauptbau des Großen Gartens dient. Architektur ist kein Spiel mit Bauklötzchen ohne Inhalt. Die monumentale Hauptachse des Gartens zielte nicht auf einen Baukörper, sondern auf die politische Institution, für die dieses Stück zur Räson gebrachten Erdbodens bestimmt war: auf den von Gott eingesetzten Alleinherrscher – den es, Gott sei Dank, nicht mehr gibt. In ihm verkörperte sich der Staat. Formal war der Barockgärten auf das Schloß bezogen, inhaltlich aber auf den absolutistischen Fürsten, der hier residierte und im Mittelpunkt des irdischen Koordinatensystems stand.