Raphael R. Abramovitch: Die Sowjetrevolution; Verlag J. H. Dietz, Hannover; 447 Seiten. 36 DM.

Die Literatur zum Thema Sowjetrevolution scheint unerschöpflich. Dennoch verdient dieses Buch Beachtung, weil es aus der Perspektive des unmittelbar Beteiligten geschrieben ist; es stellt das politische und moralische Testament einer bedeutenden Persönlichkeit aus der Führung der Sozialdemokratischen Partei Rußlands dar. (Der Autor starb 1963 nach Erscheinen der amerikanischen Ausgabe dieses Buches.)

Abramovitch schrieb diese Geschichte der Sowjetrevolution vom Standpunkt des überzeugten Demokraten, der im Gegensatz zu seinen bolschewistischen Widersachern Gewalt und Terror als politische Mittel ablehnte. Er schildert seinen Kampf gegen die Machtergreifung der Bolschewiken, nachdem er als einer der Führer der Menschewikengruppe im Februar 1917 Mitglied des Petersburger Sowjets geworden war. Wegen seines wachsenden Einflusses in der Arbeiterschaft der Großstädte wurde er 1918 auf Lenins Befehl verhaftet, zum Tode verurteilt, doch kurz vor der Hinrichtung überraschend wieder entlassen.

Mit dem Menschewikenführer Julius Martow wurde Abramovitch 1920 Mitbegründer der Wiener Internationale, später der Sozialistischen Arbeiter-Internationale. Doch blieb sein Hauptinteresse stets auf Rußland gerichtet. Als einer der Führer der russischen Exilsozialisten warb er von Deutschland, Frankreich und später von den Vereinigten Staaten aus um Verständnis im Westen für die akuten Bedürfnisse und Probleme Rußlands.

Bei diesem Ausmaß an persönlichem Engagement ist die Ruhe, ja Gelassenheit des Geistes überraschend, die den Grundtenor dieses Buches bildet. Traurig, doch nicht verbittert, anklagend, doch nicht polemisch, beschreibt Abramovitch den Sieg des Totalitarismus über die demokratischen Anfänge bis zum Pakt Stalins mit Hitler; Fast unbemerkt, fügt er sein persönliches Wirken in den Gesamtprozeß ein, so daß man kaum von einer Autobiographie sprechen kann.

Diese Distanziertheit sowie eine zu gewissenhafte Aufzählung von bisher zum Teil unbekannten Einzelheiten läßt den Bericht recht nüchtern, ja hin und wieder eintönig erscheinen. Dennoch spürt man das große Leid einer Gruppe von Menschen, die ihre Grundsätze von sozialer Gerechtigkeit und Menschenwürde verraten sahen, ohne jemals aufzuhören, dafür zu kämpfen. Urte von Kortzfleisch