Im Bonner Taximord-Prozeß haben die Psychologen das Wort

Bonn

Das Opfer, der 28jährige Bonner Taxifahrer Karl-Heinz Koch, wies elf Stichwunden im Körper auf. Schon beim ersten Stich war die Klinge des Stiletts bis zum Heft eingedrungen und hatte eine Hauptader durchschnitten, die zum Herzen führte. Koch verblutete in seinem Funktaxi. Der Mörder, der hinten saß, hatte sich beim Halten des Wagens blitzschnell nach vorn über den Fahrer gebeugt und frontal mit der scharfen Stichwaffe zugestoßen. So sezierte Dr. Wilfried Pioch, Dozent am Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Bonn, vor dem Schwurgericht der Bundeshauptstadt jene Untat vom 1. Oktober 1964, die den Befürwortern der Todesstrafe, darunter dem Bonner CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Konrad Adenauer, neue Munition geliefert hatte.

Nach Pioch analysierte der Bonner Gerichtspsychiater Dr. Josef Gierlich die Persönlichkeit des Täters, des 24jährigen Manfred Tragen aus Berlin. Tragert und sein gleichaltriger Freund Dino-Dieter Hoffmann sind des gemeinschaftlich begangenen Mordes in Tateinheit mit besonders schwerem versuchten Straßenraub und räuberischem Überfall auf einen Autofahrer angeklagt. Nach den Ausführungen Gierlichs am zweiten Verhandlungstag wurde der Mordprozeß auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Tragert soll erneut auf seinen Geisteszustand hin untersucht werden. Zum Obergutachter wurde Professor Dr. Hans Weitbrecht, Direktor des Psychiatrischen Instituts der Universität Bonn, bestimmt. Möglicherweise wird dann noch ein psychologisches Gutachten angefordert. Der Vorsitzende des Schwurgerichts, Landgerichtsdirektor Dr. Emil Heep, begründete den Aufschub: „Es war unsere Gewissenspflicht, letzte Zweifel durch ein zweites Gutachten auszuräumen, da die Persönlichkeit Tragerts eine besondere Situation bietet.“

Manfred Tragert wurde von Gutachter Gierlich für voll verantwortlich in strafrechtlichem Sinne erklärt. Der Psychiater nannte den Angeklagten ein „autodidaktisches Genie“ mit überdurchschnittlichen Kenntnissen in Astrologie und Astronomie, Telepathie und Psychologie, Suggestion und Autosuggestion, Atomphysik und Chemie, Kosmologie und Metaphysik. Der 24jährige, der den Bonner Taxifahrer so grausam erstochen hat, ist nach Gierlichs Meinung labil, sensibel, sentimental, überspannt und schwärmerisch. Er kann Lichtjahre berechnen und Vorträge über Endlichkeit und Unendlichkeit des Alls halten, und er versteht Einsteins Relativitätstheorie. Tragert leide weder unter Wahnideen noch unter Sinnestäuschungen, und er habe keine organischen Hirnschäden. Nur anfangs hatte der Gutachter geglaubt, Tragert sei schizophren.

Harald, der 29jährige Bruder des Angeklagten, ergänzte diese Analyse: Manfred sei ein „Spinner“, sagte er, er lebe in einer Vorstellungswelt mit „überirdischen Dingen“; früher sei er sehr religiös gewesen, habe später aber okkulte Bereiche bevorzugt; er sei „weich und einsiedlerisch“ und habe „Launen wie eine Primadonna“. Manfred hatte schon immer, durch ein chronisches Hautleiden an Füßen und Händen, Minderwertigkeitskomplexe.

Das ungleiche Paar