Von Rolf Seelmann-Eggebert

Was zuvor als „erster Versuch dieser Art in Europa“ angekündigt worden war, hat sich am Ende gar als eine Weltpremiere erwiesen: Zum ersten Mal in der Geschichte des Schulfernsehens waren in der Vorweihnachtszeit drei Klassenräume verschiedener Volksschulen in Hannover über Kabel optisch und akustisch in Gegensicht- und Gegensprechverkehr miteinander verbunden. Vierzehn Tage lang unterrichteten Lehrerinnen und Lehrer dieser Schulen nicht nur ihre eigene Klasse, die Sendeklasse, sondern zugleich zwei in anderen Gebäuden sitzende Empfangsklassen. Die Kinder in den Empfangsklassen konnten sich genauso melden wie die Kinder in der Sendeklasse, sie konnten genauso aufgerufen werden, nur daß sie den Lehrer nicht in Person, sondern auf dem Bildschirm vor sich sahen. Und vor einem anderen, aus demselben Schulfernsehkabelnetz gespeisten Empfangsgerät saßen im Lauf der Zeit über 1500 Pädagogen, Wissenschaftler und Schulaufsichtsbeamte, die das Agieren und Reagieren während der Fernsehstunden in den Klassenräumen aufmerksam und nicht selten kri-:isch verfolgten.

Eingeladen hatte zu dem hannoverschen Versuch, der von der Stiftung Volkswagenwerk finanziert wurde, der Alfelder Pädagoge Professor Dr. Heribert Heinrichs. Vom Norddeutschen Rundfunk zum Koordinator des ersten Schulernsehversuchs in der Bundesrepublik berufen, erhielt er Gelegenheit, gründliche Erfahrungen mit dem öffentlichen Schulfernsehen zu sammeln. Als der NDR – im Gegensatz zum Bayerischen Rundfunk – beschloß, die Schulfernsehsendungen nicht fortzusetzen, begann sich Professor Heinrichs dafür zu interessieren.

Voraussetzung für Versuche mit dem schulöffentlichen Fernsehen – einem auf einen Schulbezirk begrenzten drahtlosen Sendebetrieb von einer Zentrale, etwa einer Pädagogischen Hochschule, aus – wäre die Zuteilung einer eigenen Sendefrequenz gewesen. Da gab es aber Schwierigkeiten, so daß sich Professor Heinrichs ganz dem schulinternen, an Kabel gebundenen Fernsehen zuwandte.

Wer ihn bei seinem hannoverschen Versuch skeptisch danach fragte, warum er sich denn überhaupt die Mühe mit dem neuen Medium mache, erhielt zur Antwort: „Die Technik kommt wie eine Naturkatastrophe auf die Schule zu. Wir müssen uns bemühen, sie nicht nur einzudämmen ... Das Fernsehen hat da durch seinen multiplikativen Charakter besondere Möglichkeiten. Es kann vielen Schülern vieles von universaler Geltung näherbringen und so vieleicht auch einen Beitrag zur Minderung des Lehrermangels leisten.“ Immer noch oder vielleicht erst jetzt skeptisch Dreinschauenden prophezeite er: „Ich glaube, daß das, was wir hier tun, in fünfzig Jahren so allgemein sein wird, daß keiner mehr danach fragen wird, ob ja, ob nein.“

Zwei andere deutsche Versuche mit schulinternem Fernsehen in Duisburg und Berlin waren dem hannoverschen Experiment vorausgegangen. Im Prinzip basierten beide Versuche auf dem in der amerikanischen Stadt Hagerstown zu einiger Perfektion entwickelten „Closed-Circuit-System“: Dort sind alle Schulen durch ein 186 Kilometer langes Kabelnetz in der Weise miteinander verbunden, daß von Lehrstudios aus Unterricht in mehr als dreißig Fächern in die Klassenräume der angeschlossenen Schulen übertragen werden kann. „One-Way-Communication“ nennen die Amerikaner diesen in eine Richtung fließenden Informationsstrom. Professor Heinrichs wollte bei seinem hannoverschen Versuch eine über die „One-Way-Communication“ hinausgehende Möglichkeit erkunden.

Er wollte in Erfahrung bringen, ob sich auch ein Unterrichtsgespräch, ein Dialog zwischen Sende- und Empfangsklasse führen lasse. Zu diesem Zweck rüstete er die beiden Empfangsklassen zusätzlich mit Kamera und Mikrophon aus, so daß der in der Sendeklasse unterrichtende Lehrer auf zwei Monitoren stets verfolgen konnte, wer sich in den Empfangsklassen zu Wort meldete. Beim Aufrufen hatte er dann die Wahl, entweder einen Schüler seiner eigenen Sendeklasse oder einen Schüler aus einer der beiden Empfangsklassen die Antwort geben zu lassen.