Von Dieter E. Zimmer

Erwin Piscator übertrieb nicht, als er Heinar Kipphardts Stück „In der Sache J. Robert Oppenheimer“, das er in Berlin als erster deutscher Theaterintendant auf die Bühne gebracht hatte, einen „fast sensationellen Erfolg“ nannte. Kipphardts „szenischer Bericht“ wurde nicht nur im Deutschen Fernsehen gezeigt, nicht nur erhielt Kipphardt zwei Preise dafür; inzwischen hatte auch das Theaterpublikum in Berlin, in München und Münster, in Kiel und Celle, in Heidelberg, Oberhausen, Aachen, Karlsruhe und Düsseldorf, in Basel, Zürich und Mailand Gelegenheit, sich mit der szenischen Rekonstruktion jenes denkwürdigen dreiwöchigen Verhörs aus dem Frühjahr 1954 vertraut zu machen, auf Grund dessen dem Physiker J. Robert Oppenheimer, dem „Vater der Atombombe“, bis dahin als Vorsitzender des Allgemeinen Beratungskomitees der amerikanischen Atomenergiekommission quasi der Chefberater der amerikanischen Regierung in allen Atomfragen, das Zuverlässigkeitszeugnis entzogen und damit der Zugang zu allem geheimen Material gesperrt wurde. In der kommenden Spielzeit wird die Dokumentation auch in der DDR zu sehen sein, wahrscheinlich bei Helene Weigel im Brecht-Theater am Schiffbauerdamm.

Es ist ein Erfolg, der um so verblüffender ist, als das Stück keine der – konfessionellen oder nationalen – Leidenschaften anspricht, die Hochhuths „Stellvertreter“ weckte, und als der Fall Oppenheimer jenes unmittelbaren Interesses entbehrt, mit dem der „Stellvertreter“ die halbe Welt in Bewegung brachte. Niemand kann es sich heute leisten, sich nicht zu fragen, wie er sich unter einer Diktatur verhalten würde; in die Lage aber, irgendeinen entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung der Atomwaffen zu nehmen, kommen die wenigsten. Dennoch, diese Waffen stehen zu unserer Vernichtung bereit; daß wir uns ihre Geschichte nicht gleichgültig sein lassen, was wäre natürlicher?

Wenn Kipphardts Unternehmen trotzdem nicht einmütig begrüßt wurde, so lag das nicht an Provokationen und Ketzereien. Es lag an der Fragwürdigkeit des Genres, das er gewählt hatte: des halbdokumentarischen Berichts.

Nicht etwa der Zeuge Professor Griggs protestierte, der in Piscators Inszenierung nur eine Karikatur seiner selbst sein darf, ein Mann, über den die Leute schon lachen, ehe er auch nur den Mund, zu seiner (belastenden) Aussage auftut, nicht die Anwälte der Atomenergiekommission, nicht Edward Teller, Oppenheimers Kollege und Rivale und politischer Gegner, der Urheber der Wasserstoffbombe, ohne dessen Aussage die Entscheidung damals schwerlich gegen Oppenheimer ausgefallen wäre: Es protestierte die so sympathisch gezeichnete Hauptfigur des Stückes selbst.

Wer vor einigen Wochen die Berichte über diesen Protest Oppenheimers in der deutschen: Presse las, mußte den Eindruck haben, seine Einwände beträfen ein paar periphere Punkte – einige Nebensätze über Niels Bohr und dergleichen. Er konnte der Meinung sein, daß Oppenheimer natürlich wenig beglückt war, höchst private Details seiner Vergangenheit, in einer Reihe von leidigen Verhören zutage gezerrt, und überhaupt eine Verhandlung Abend für Abend einem neugierigen und schlechtinformierten Publikum unterbreitet zu sehen, die er selber, nach seiner Rehabilitierung im Jahre 1963, für sein Teil nicht mehr ernst zu nehmen entschlossen war und zu einer „Farce“ erklärt hatte (während er sie seinerzeit als sein „Pearl Harbour“ bezeichnete), daß es ihm aber an konkreteren Einwänden durchaus mangelte. Er konnte nur ahnen, daß sich Oppenheimer hauptsächlich von der Schlußrede zu distanzieren wünschte, die ihn Kipphardt am Ende seines Stückes halten läßt. Wörtlich hieß; es in dem Rundbrief, den Oppenheimer am 12. Oktober an Kipphardt und mehrere Theaterintendanten sandte: „Von Anfang an hat sich mein Einwand nicht auf den Umstand beschränkt, daß ich während des Verhörs die Rede, die Sie erfunden haben, gar nicht hielt: mein Haupteinwand ist der, daß Sie mich Dinge sagen lassen, die meine Meinung weder waren noch sind.“

Es ist nötig, hier genau und nüchtern .hinzusehen. Wer Kipphardt böswillige Fälschungen vorwerfen wollte, ginge ebenso fehl wie jener, der Oppenheimers Protestbrief lediglich als Ausdruck einer privaten Malaise und möglicherweise eines Unwillens gegen den Deutschen werten wollte, der eine ihm penible Vergangenheit rekapituliert hatte.