Der „Vorstand der Ärzteschaft des Kreises Ulm“ überfiel die Gesundheitsministerin Dr. jur. Schwarzhaupt mit einem 10 Seiten langen „Antrag zur Frage der derzeitigen öffentlichen Propaganda für Geburtenbeschränkung“ und bestimmten „Forderungen unsererseits“:

„Das Bundesgesundheitsministerium möge ... die wirklichen Ursachen der Abtreibungsseuche bekämpfen, die nicht in einer mangelnden Propaganda für ‚Antibabypillen‘ zu suchen sind, sondern in der ungehemmten öffentlichen und privaten Sexualisierung unseres Volkes .. Das Verbot der Werbung für empfängnisverhütende Mittel soll weiter bestehen bleiben... Das Ministerium möge sich auch energisch dafür einsetzen, daß die operative Sterilisation ohne dringenden ärztlichen Grund nach wie vor verboten bleibt.“

Als „die wirklichen Ursachen der Abtreibungsseuche“ nannten die Ärzte von Ulm näher beim Namen „Erklärungen von Ärzten, Politikern und Geistlichen“, die „glauben, das sogenannte Recht auf ‚ein glückliches Geschlechtsleben‘ sei wichtiger als die Zukunft und der Bestand des ganzen Vokes.“ Weiter: „Eine falsche Steuer- und Lohnpolitik von Staat, Wirtschaft und Gewerkschaften, Auszahlung zu hoher Löhne an Jugendliche..., Vernachlässigung der Kinder durch Frauen- und Mütterarbeit und schlechtes, geistig-moralisches Milieu an vielen Arbeitsstätten.“ Weiter: „Die öffentliche Verhöhnung der Keuschheit... in Film, Theater, Presse und Fernsehen.“

Frau Dr. Schwarzhaupt („Natürlich hat der Mensch das Recht auf ein glückliches Sexualleben“) antwortete knapp: „Es ist weder möglich noch sachlich gerechtfertigt, eine öffentliche Diskussion über Fragen der Empfängnisverhütung durch behördliche Maßnahmen zu unterbinden.“ Bundeskanzler Erhard bestätigte den Ärzten „mit freundlichen Grüßen“, er habe die Abschrift ihres Antrages „mit großem Interesse gelesen“, den die Ulmer Doktoren mit weiteren Kernsätzen gewürzt hatten:

„Ohne scharfe Kontrolle Antibabypillen zu bekommen, würde Deutschland in ein sterbendes Volk verwandeln.“ Oder: „Staatlich geförderte Hemmungslosigkeit und die sexuelle Suchtbildung auf breiter Ebene werden die Folgen von Maßnahmen sein, die Selbstzucht und Sauberkeit im Sexualbereich unnötig machen.“ Oder: „In der modernen Weltauseinandersetzung kann eine einzige Dirne und der dazugehörige Minister oder ein einziger Homosexueller an führender Stelle die Existenz unserer Völker gefährden.“

Dieser Alleingang des Ulmer Ärztevorstandes ist nicht ganz so bedeutungslos, wie er beim ersten Hinblick erscheinen mag – trägt doch das Schriftstück die Unterschriften von 30 südwestdeutschen Universitätsprofessoren und 40 Chefärzten mit guten Namen. Zusätzlich unterschrieben bislang 230 Ober-, Assistenz- und praktische Ärzte.

Daß auch Ärzte in die Pillen-Diskussion massiv eingreifen, wenngleich in diesem Fall in geschwollenem Weltverbesserer-Stil mit wenig medizinischem Bezug, ist ein positiver Ansatz. Schließlich muß es den Arzt nachdenklich machen, daß seine Patientinnen, die ihn bislang aufsuchten, damit er ihren Organismus in Ordnung bringe, nunmehr zu ihm kommen, damit er mit 21 Verhütungspillen Unordnung schaffe.