Von Kurt Wendt

Das Börsenjahr 1964 entsprach nicht den Erwartungen. Zwar hatte niemand mit einer ausgesprochenen Hausse gerechnet, aber doch mit einem Wiederanstieg der Aktienkurse, der über den rund 10prozentigen "Erfolg" des Jahres 1963 hinausgehen würde. Ausgangspunkt des Optimismus, der von nahezu allen Börsenexperten geteilt wurde, war die sich bessernde Ertragslage der deutschen Aktiengesellschaften. Steigende Erträge müssen zwangsläufig auch zu höheren Aktienkursen führen. So sagt das Gesetz der Logik. Wenn man in den abgelaufenen 12 Monaten so wenig davon merkte, dann lag dies an Faktoren, die entweder nicht vorauszusehen waren oder deren Bedeutung man an der vergangenen Jahreswende nicht in ihrem vollen Umfang erkannte. Das gilt nicht nur für den Aktienmarkt, sondern auch für den Markt der festverzinslichen Papiere. Zu Beginn des Jahres 1963 sah es noch so aus, als ob nun endlich der Übergang von dem 6- auf den 5prozentigen Kapitalmarktzins gelingen würde. Doch auch hier eine Fehleinschätzung! Heute liegt der Kapitalmarktzins mit 6,3 bis 6,4 Prozent noch höher als vor einem Jahr.

Auf dem Aktienmarkt sah es zunächst ganz nach einem erfolgreichen Börsenjahr aus. Im 1. Quartal 1964 machten die Kurse durchschnittlich einen Aufwärtssprung von 11 Prozent. Aber dann ging es unter Schwankungen abwärts. Von dem Anfangserfolg blieben am Jahresende nur knapp 4 Prozent.

Den Anstoß für die Stimmungswende an den deutschen Börsen gab am 23. März 1964 die Bundesregierung mit ihrem Gesetzentwurf über die Einführung einer 25prozentigen Kapitalertragssteuer auf den Rentenbesitz "Gebietsfremder". Ein Anhalten des mit Kapitalzuflüssen verbundenen Devisenzustroms (1963 hatten Ausländer für 2,9 Milliarden Mark deutscher Rententitel erworben) erschienen Bundesregierung und Bundesbank unerwünscht. Die ausländischen Kapitalkreise reagierten auf das "Sondergesetz" negativ. Im Sommerhalbjahr verkauften sie deutsche Renten im Wert von über 1,2 Milliarden Mark. Dem standen nur halb so viele Käufe gegenüber. Der Bundesregierung wurde weniger die Tatsache übel genommen, daß sie sich gegen einen weiteren Zustrom ausländischen Kapitals schützen wollte, als vielmehr ihre Absicht, die 25prozentige Steuer auch auf die bereits im Umlauf befindlichen Emissionen zu erheben. Das empfand man als Diskriminierung und als einen Vertrauensbruch. Sehr viel Porzellan wäre nicht zerstört worden, wenn sich die Bundesregierung zu einer gleichen Behandlung von In- und Ausländern entschlossen hätte, nämlich zu einer Erhebung der Kapitalertragsteuer auf den gesamten Rentenbesitz, so wie dies bei Aktien selbstverständlich ist.

Auf alle Fälle hatten nicht nur die Renten, sondern auch die Aktien unter den Verkäufen der Ausländer zu leiden. Es wäre allerdings übertrieben zu behaupten, die Aktienverkäufe wären allein auf das Konto des Kuponsteuergesetzes gegangen. Die Amerikaner waren ganz einfach enttäuscht über die Stagnation der europäischen Aktienmärkte in den letzten Jahren. Hinzu kam für die Amerikaner, daß sie von dem Erwerb nichtamerikanischer Aktien durch die 15prozentige Zinsausgleichssteuer praktisch ausgeschlossen sind. Ihnen ist es aus Kostengründen nur noch schwer möglich, ihre europäischen Portefeuilles so auszubauen, wie sie es für notwendig halten würden. Dieses Handikap veranlaßte viele, die europäischen Positionen überhaupt aufzulösen, was um so leichter fiel, als die New Yorker Börse ausgezeichnete Gewinnchancen bot. Die Commerzbank schätzt, daß sich im Jahre 1963 die Bestände der von den Amerikanern gehaltenen deutschen Aktien halbiert haben. Bei dieser Berechnung sind Aktienpakete, die maßgebliche Beteiligungen an deutschen Firmen garantieren, ausgenommen.

Natürlich waren die Ausländer nicht nur Verkäufer, sondern auch Käufer am deutschen Aktienmarkt. Dennoch bleibt unbestritten, daß bei den Börsenwerten mehr aus dem Ausland zurückgeflossen als dorthin gegangen ist. Dabei bleibt die Frage offen, inwieweit hinter den "Auslandskäufen" deutsche Auftraggeber stecken, die es aus vielerlei Gründen vorziehen, ihre Wertpapiergeschäfte über ausländische (meist schweizerische) Banken abzuwickeln.

Auslandsabgaben und die stärkere Inanspruchnahme des deutschen Aktienmarktes durch Kapitalerhöhungen führten zu einer reichlichen Versorgung der deutschen Börsen mit "Material" und damit zu einem ständigen Druck auf die Kurse. Das Emissionsvolumen – Kapitalerhöhungen unter Einräumung von Bezugsrechten – hat sich im Bereich der börsennotierten Werte nach einer Statistik der Commerzbank gegenüber dem Vorjahr (unter Einschluß der Wandelanleihen) auf 1,5 (0,5) Milliarden Mark erhöht.