Die Erfahrungen von 1964 zeigen, daß die Zeit für neutrale Wirtschaftspolitik zu Ende geht

Ein bitteres Jahr für die Kleine Freihandelszone, ein erfolgreiches Jahr für den Gemeinsamen Markt. Vor zwölf Monaten hat wohl niemand vorausgesehen, daß die wirtschaftspolitische Bilanz für 1964 mit einem derartigen Ergebnis abschließen würde. Die EFTA nahm damals eine positive Entwicklung, während die EWG durch die inflationären Tendenzen in Frankreich und Italien und später durch den Agrarstreit bedroht wurde.

Doch dann ist alles anders gekommen. Die EWG-Länder haben durch gemeinsame Anstrengungen die Inflation eingedämmt und sich schließlich sogar über den Getreidepreis einigen können. Die EFTA dagegen ist durch den Alleingang ihres wirtschaftlich stärksten Landes unversehens in eine mühsam überdeckte Krise geraten.

Auch die Gegner Harold Wilsons geben zu, daß Großbritanniens neuer Premier ein ungewöhnlich intelligentem Mann ist. Er hat also sicherlich vorausgesehen, welche Folgen sein Versuch haben mußte, das chronische Defizit der englischen Jahresbilanz unter Bruch internationaler Verträge auf Kosten der Handelspartner zu vermindern. Mit anderen Worten: Man muß davon ausgehen, daß Wilson bewußt eine handelspolitische Isolierung in Kauf genommen hat, um seinem eigenen Land wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen.

Diese Rechnung ist nicht aufgegangen. In keinem anderen Land werden der Wirtschaft so pessimistische Prognosen gestellt wie in

Großbritannien. Die Investitionsbereitschaft der Industrie hat einen Tiefstand erreicht, die City sich ganz dem hinterhältigen Widerstand gegen die neue Regierung verschrieben. So muß Wilson, der seinem Land durch eine „wissenschaftliche Wirtschaftspolitik“ neue Dynamik verleihen wollte, nun Zuflucht zu Maßnahmen nehmen, die er Jahre hindurch als „stümperhaftes Flickwerk“ kritisiert hatte.

Auch seine Absage an jede supranationale Wirtschaftspolitik klingt nicht mehr überzeugend, seit die durch Sonderzölle verstimmten Handelspartner das Pfund durch immer neue Milliardenkredite über Wasser halten müssen. In den Worten der Times: „Die Berufung auf die eigene wirtschaftliche Kraft Großbritanniens wäre eher glaubwürdig, wenn unser Land nicht gleichzeitig mit dem Bettlerhut in der Hand bei seinen Nachbarn herumlaufen müßte.“