DEUTSCHLANDFUNK UND ANDERE SENDER

24. und 25. Dezember, zwei Weihnachtsreden des Bundeskanzlers:

Für uns als Volk und Staat geht es darum, auf einem vor Erregung zitternden Boden der Weltpolitik unseren sicheren Weg zu finden. Dies hatte Bundeskanzler Ludwig Erhard mit dem ihm eigenen nüchternen Sinn erkannt, und so zögerte er auch nicht, sich als Wegweiser in zwei getrennten Reden an meine lieben Landsleute in Mitteldeutschland und – nicht ganz so vertraulich – an meine sehr verehrten Zuhörerinnen und Zuhörer in der Bundesrepublik uneigennützig zur Verfügung zu stellen.

Den lieben Landsleuten versicherte er, daß es ihm zwar auch eine selbstverständliche Pflicht sei. Andererseits gestand er ihnen aber: Es ist mir in erster Linie ein aufrichtiges menschliches Bedürfnis, Ihnen zu sagen, wie sehr wir in enger Verbundenheit mit Ihnen allen gerade zu Weihnachten das deutsche Leid empfinden.

Durchaus im Bewußtsein, daß es nicht leicht ist, Ihnen Mut zuzusprechen, tröstete Erhard die Landsleute damit, daß Bundeskanzler und Bundesminister bei ihrer Amtsübernahme einen Eid geleistet haben, der sie verpflichtet, ihre Kraft nicht nur dem Wohle der Bevölkerung der Bundesrepublik, sondern dem ganzen deutschen Volk zu widmen. Ja, Erhard tat noch mehr, er erklärte feierlich: Die Deutschlandpolitik der Bundesregierung fühlt sich auch für Sie, meine Landsleute in Mitteldeutschland, verantwortlich. (Daß der Atomminenplan der Verteidigungspolitik nicht in das Ressort der Deutschlandpolitik fällt, durfte in dieser festlichen Stunde unerwähnt bleiben.) Unnachgiebig garantierte der Kanzler: Niemand kann uns zwingen, drückendes, schreiendes Unrecht als Recht anzuerkennen. Guten Gewissens konnte er somit (kurz vor der Verjährung eines nicht erwähnten und darum weniger schreienden Unrechts) den unter der Mauer leidenden Landsleuten versprechen: Wir werden nicht aufhören, die Welt auf diese Schmach der Menschheit aufmerksam zu machen.