1964: Ein Jahr kühner wissenschaftlicher Spekulationen – Ist die Erde ein magnetischer Komet?

Von Thomas von Randow

Niemand weiß, ob es organisches Leben auf dem Mars gibt, welche Bedeutung die Hirnwellen haben, woraus der Erdkern besteht oder warum die Häufigkeit der Sonnenflecken in einem elfjährigen Rhythmus schwankt. Wir kennen die Natur der Schwerkraft nicht und nicht den biologischen Mechanismus der Krebsentstehung, wir können die Energie der Wasserstoffbombe noch nicht für friedliche Nutzung zähmen, keine Erdbeben voraussagen und wir sind nach wie vor machtlos gegen die Leukämie und gegen den gewöhnlichen Schnupfen. Doch der Lösung dieser und vieler anderer Probleme ist die Wissenschaft in den letzten zwölf Monaten bedeutend nähergekommen.

Das Jahr 1964 hat kein umwälzendes Forschungsergebnis gebracht, keines, das etwa mit der Entdeckung des Penicillins, mit der Erfindung des Transistors oder mit dem ersten Start eines künstlichen Erdsatelliten vergleichbar wäre, aber es war dennoch ein wissenschaftlich fruchtbares Jahr, insbesondere eines, das in verschiedenen Forschungsgebieten faszinierende Spekulationen und Hypothesen entstehen ließ.

Einen Triumph konnte die theoretische Physik im Februar feiern, als die Zeitschrift „Physical Review Letters“ einen von dreiunddreißig Physikern unterzeichneten Bericht veröffentlichte, der die Entdeckung eines subatomaren Teilchens zum Gegenstand hatte, der Partikel „Omegaminus“. Neue Elementarteilchen sind zwar in den letzten Jahren sehr häufig gefunden worden, aber mit Omega-minus hatte es eine besondere Bewandtnis: Seine Existenz nämlich war vor zwei Jahren von den Professoren Gell-Mann, Ne’eman und Okubo vorausgesagt worden, und zwar auf Grund einer Systematik, die endlich Ordnung in das „subatomare Chaos“ der über achtzig bekanntgewordenen Elementarteilchen bringen soll, etwa wie das periodische System die chemischen Elemente geordnet hat – und die Existenz noch unentdeckter Grundstoffe vorausbestimmen ließ.

Der Nachweis des Teilchens Omega-minus war die erste Bestätigung dafür, daß die Physiker mit jener Systematik für subatomare Partikel auf dem richtigen Wege. sind. Noch ist die physikalische Bedeutung dieses nach rein mathematischen Gesichtspunkten aufgestellten Schemas ein Rätsel, aber die Erfahrung hat gelehrt, daß der Entdeckung eines ordnenden Prinzips meist sehr bald die Erkenntnis seiner naturgesetzlichen Zusammenhänge folgt.

Eine Konsequenz des Schemas freilich ist so seltsam, daß viele Physiker eine Modifikation der Systematik für erforderlich halten, denn nach ihr müßte es Elementarteilchen geben – man hat sie „Quarks“ getauft –, deren elektrische Ladung ein beziehungsweise zwei Drittel der Elektronenladung beträgt, die nach aller bisherigen Erfahrung als kleinste unteilbare Ladungseinheit gilt. In einigen Instituten werden indessen Versuche angestellt, die dem Nachweis von Quarks dienen sollen.