Von H.M. Nieter O’Leary

Wer spricht eigentlich für die Jugend? Wer – aus ihren Reihen – kann die Beweggründe ihres Verhaltens interpretieren? Sprechen diejenigen für ihre Generation, die aus Haß gegen die Erwachsenen weit alles zerschlagen, was ihnen in die Quere kommt? Oder sind die gelockerten Auffassungen in der Sexualsphäre die gültige Ausdrucksform moderner Jugend? Soziologen und Jugendpfleger beschäftigen sich seit langer Zeit mit diesen Fragen. Bisher haben jedoch Analysen und Massenbeobachtungen kein klares Bild ergeben. In ihrem soeben erschienenen Buche „Generation X“ versuchen nun zwei junge Journalisten, Charles Hambleut und Jane Deverson (sie ist selber noch ein Teenager) Antwort zu geben. Offensichtlich war das Interesse an dem Thema ungewöhnlich groß, denn nachdem einige Sonntagszeitungen Auszüge gebracht hatten, war die erste Auflage vergriffen, und dies schon am Montag darauf.

Zur „Generation X“ gehören junge Menschen bis zu 25 Jahren, und das Buch ist eigentlich nur eine Kompilation von Interviews und jugendlichen Meinungen. Obwohl die beiden Autoren, besser gesagt: Redakteure behaupten, die Aussagen wären repräsentativ für die heutige Jugend, möchte ich das bezweifeln. Anarchische Schreier übertönen oft leisere Stimmen. Immerhin aber ergibt die Prüfung der Motivierungen interessante Schlußfolgerungen, sind sogar oft niederschmetternd in ihrer Kritik an der Familienstruktur unserer Zeit. So sagt ein Londoner siebzehnjähriger Junge:

„... alte Leute sind sowieso lächerlich, so heuchlerisch; alles was sie tun, ist falsch. Zu meiner Mutter bin ich frech, und den Alten ignoriere ich. So muß es auch sein, denn mein Vater säuft, und ich kenne ihn eigentlich gar nicht. Ich habe immer das Gefühl, ihn noch nie getroffen zu haben ...“

Überhaupt inspirieren nur wenige Erwachsene die Jugend zur Nachahmung.

Ein anderer Teenager sagte:

„...die (Erwachsenen) geben uns aber auch nicht den geringsten Anreiz, so zu sein wie sie. Wir müssen uns ändern oder sterben, sagt ein Dichter. Und wir sehen den Tod des Lebens in den furchtbaren Gesichtern unserer erwählten Führer, Minister, Gelehrten und Richter. Das ist doch alles wie ein Rattenwettrennen. Man fühlt, wie ekelhaft alles ist, und wird doch hineingezogen ... Mitunter bin ich traurig, wenn ich an das Alter denke und an die Einsamkeit. Wenn ich an Menschen denke, die vom Leben erdrückt werden, und an die Hungernden in Asien und Afrika. Aber was kann ich schon tun? Da gibt’s eine Party, oder ich treffe ein Mädel, und dann ist alles vergessen.“