Von Heinz Maegerlein

Wer an das Sportjahr 1964 zurückdenkt, kommt von einem zwiespältigen Eindruck nicht los: es war ein großes Sportjahr und ein merkwürdiges zugleich. Groß war es, weil es ein Jahr der Olympischen Spiele war und merkwürdig, weil es in ihm so manche eigenartigen Geschehnisse im deutschen Sport gab.

Groß waren die Tage von Innsbruck und Tokio – und sogar in einem viel tieferen Sinn als die meisten meinen, die nur an die Flut neuer Weltrekorde und die kämpferische Größe der olympischen Entscheidungen denken. Und merkwürdig waren Ereignisse, Einschätzungen und Entwicklungen des Sports bei uns, und zwar auch in anderen Beziehungen als jene denken, die dabei nur die Oberfläche oder Skandale und Skandälchen sehen.

Warum waren die Tage von Innsbruck und vor allem von Tokio groß? Natürlich auch, weil Menschen aus allen Teilen der Welt im Kampf um den olympischen Lorbeer weit über sich hinauswuchsen und neue Leistungsmarken setzten – in nahezu allen Sportdisziplinen. Gewiß auch, weil sich erneut erwies, daß die Olympischen Spiele trotz aller Unkenrufe und ungeachtet aller Spannungen in der Welt auch 1964 weniger denn je zu einem Tummelplatz der Politik geworden sind. Sicherlich auch, weil in 99 von 100 Kämpfen – auch dort, wo Mann gegen Mann stand, wie etwa im Eishockey und im Boxen, im Ringen und im Fußball, im Judo und im Hockey, fair und ritterlich gekämpft wurde, obwohl der höchste Sieg lockte, den es im Sport überhaupt zu gewinnen gibt, und hier und da auch zweifellos mit ihm ein besseres, oder doch zumindest ein leichteres Leben. Man sollte diese immer wieder sichtbar gewordene Ritterlichkeit nicht überschätzen. Sie ist ein Teil und kein unwichtiger des Sports schlechthin. Sie gehört zum rechten Sportsmann auch in unserer Zeit wie die Exaktheit des Denkens etwa zum Wissenschaftler. Nur Menschen, die nie Sportsleute waren, bewundern sie. Aber man sollte sie noch weniger unterschätzen. Wer da zwei Runden lang im Boxring einem starken Gegner gegenübergestanden hat, wer schwere Schläge hinnehmen mußte und in der dritten Runde nach einem eigenen Treffer, der den Gegner angeschlagen und in die Knie gezwungen aber nicht zu Boden gestreckt hat, genau weiß, daß ein einziges rasches Nachschlagen genügen würde, um den Kampf endgültig zu beenden, und dann doch die Disziplin aufbringt, diesen zweiten Schlag nicht mehr zu führen, weil die ritterlichen sportlichen Gesetze es untersagen, der bezwingt sich – in Augenblicken höchster Erregung! – ebenso wie der Fußballer, der sich und seine Mannschaft am Ziel wüßte, wenn er den Ball noch vor dem zu Füßen gegangenen Torwart mit dem Fuß erwischen würde, und der doch das Bein zurückzieht, weil ihm die Gesundheit seines Gegners wichtiger ist als das Tor, auch wenn dieses das Spiel, den Tabellenplatz oder gar die Meisterschaft entscheidet.

Aber neue Rekorde, die in Innsbruck wie vor allem in Tokio am laufenden Band aufgestellt wurden, die Freundschaft der Sportler über politische Grenzen hinweg und die Ritterlichkeit, so wichtig sie auch immer bei den Spielen waren, machten noch immer nicht der Größe der olympischen Tage von 1964, vor allem von Tokio aus. Die entscheidenden Gründe dafür, daß es wahrhaft große olympische Tage waren, lagen auf anderem Gebiet. Wir haben in Tokio erneut und stärker als je zuvor gespürt, daß das Genialste an der Idee des Franzosen Pierre de Coubertin, die Olympischen Spiele der Neuzeit zu begründen, der stete Wechsel des Austragungsortes war. Denn so vieles auch den Spielen an allen Orten und zu allen Zeiten gemeinsam ist, so vieles bringen doch auch die immer neuen Austragungsorte noch hinzu. Sie geben, das war eine der großen Lehren der XVIII. Olympischen Sommerspiele von Tokio, nicht nur immer neue Form, sondern sie schenken jeweils auch immer neuen Gehalt.

Wir hatten diesen Tagen mit großer Sorge entgegengeblickt. Wie konnten, so meinten wir vor Tokio, diese olympischen Kämpfe „Spiele“ werden mitten in einer Welt des fieberhaftesten Arbeitstempos, der hochgepeitschten Produktion, des turbulentesten Verkehrs? Wie sollten die Kämpfer die Konzentration für ihre Starts finden in dieser hektischsten aller Großstädte der Welt? Unsere Sorge schien begründet. Und doch erwies sie sich von Tag zu Tag mehr als gegenstandslos. Inmitten dieser überall aus den Nähten platzenden Stadt und inmitten der Siedehitze ihrer ruhelosen Welt wurden die Spiele schöner und vor allem heiterer als alle Spiele der Nachkriegszeit! Es schien in vielen Sportarten, als wenn der Kulminationspunkt im Leistungssport nun doch schon überschritten wäre. Denn während noch 1960 in Rom mit furchtbarem Ernst und einer bisweilen recht ärgerlichen und fast manischen Inbrunst gekämpft worden war, die kaum noch Raum ließ für Lachen und Freude, war in Tokio die Atmosphäre bei aller Wildheit der Kämpfe und Größe der Leistungen doch erfreulicher, gelöster, brüderlicher. In Rom hatte uns manchmal ein Frösteln überfallen, als wir erleben mußten, daß die Olympiakämpfer mehr oder weniger fremd aneinander vorübergingen, ja, daß sie einander kaum mehr sahen, so sehr waren ihre Sinne auf den nächsten Kampf gerichtet. In Tokio aber fand man zueinander, auf der Kampfbahn, im olympischen Dorf, beim Einkaufsbummel, bei Fahrten durch die Stadt oder die schöne Umgebung. Vor allem aber war nicht mehr die Verbissenheit zu spüren, die den Olympiakämpfern von Rom allzu deutlich im Gesicht geschrieben stand. Zumindest zeigte man sie in Tokio nicht. Voran gingen hier zweifellos die Frauen. Sie versteckten ihren Ehrgeiz hinter Gelassenheit und Fröhlichkeit. Jedenfalls widerlegten sie alle die ohnehin törichte Mär, daß es unfraulich oder wenig mädchenhaft sei, nach Sportruhm zu streben. Denn noch nie sah man so viele hübsche und blendend gewachsene Frauen und Mädchen beisammen wie hier im olympischen Dorf. Ja, man kann sagen, sie erfüllten mit ihrem Äußeren, aber auch mit ihrem Lächeln, ihrer Heiterkeit und ihrer Haltung im Kampf und der Gegnerin gegenüber so etwas wie eine Mission, und nicht einmal eine unwichtige. Denn wenn es sich an ihrem Beispiel erst einmal herumspricht, wie anmutig die Olympiakämpferinnen von 1964 gewesen sind, dann werden nach und nach doch vielleicht die Frauen und Mädchen in aller Welt begreifen, daß es keine bessere Schönheitspflege gibt als den Sport. Wenn aber Olympische Spiele mit ihrer an sich ganz anderen Zielsetzung – denn das citius – altius – fortius, dieses schneller, höher, stärker hat ja nun wirklich nichts mit Schönheitspflege, ja kaum etwas mit Gesundheitspflege zu tun – dieses Rezept verbreiten helfen, so müßten wir sie schon allein deshalb preisen.

Ungleich wichtiger aber ist wohl, daß wir in Tokio den schon fast verlorenen Glauben an den homo ludens wiederfanden. Wir fanden ihn, als wir die japanischen Volleyballspieler in ihrer riesigen Freude nach jedem gelungenen Schlag erlebten, wir sahen ihn aber auch in den Läufen auf der Aschenbahn des Olympiastadions im Meiji-Park. Den homo ludens fanden wir freilich nur selten in den Läufern aus alten Sportnationen und kaum bei den Trägern glanzvoller Namen. Wir fanden ihn viel mehr bei den Teilnehmern aus den vielen Ländern, die zum ersten oder zum zweiten Male Teilnehmer zu den Spielen entsandt hatten. Da liefen unverbrauchte, vor Kraft strotzende Burschen beinahe oder gänzlich ohne Taktik. Sie stürmten vom Start weg in Rennen, bei denen die Bahn mehrmals zu umkreisen war, davon, als gelte es höchstens die Hälfte oder noch weit weniger der tatsächlich zu durchmessenden Strecke zurückzulegen. Und doch triumphierten sie hier und da über Läufer, die mit taktischem Wissen vollgepfropft in die Arena gekommen waren. Wir freuten uns über diese Läufer! Das war doch einmal etwas anderes, ein belebendes Feuer im sonst meist eiskalt errechneten und ausgeklügelten Kampf! Wir hatten ja schon ahnungsvoll den Tag kommen sehen, an dem Olympiasieger gezüchtet, in Instituten gedrillt und für die Stunde ihres Kampfes abgerichtet werden würden – diese unverbrauchten Menschen haben diese Befürchtungen zumindest für die nächsten zwei Jahrzehnte wieder zurückgedrängt. Das Training wird zwar hier und da noch ernster genommen und noch roboterhafter geführt werden, aber an anderer Stelle wird sich doch auch eine bessere und natürlichere Entwicklung durchsetzen, das ergaben bereits in Tokio mit mehreren berühmten Trainern geführte Gespräche.