DIE ZEIT

Altes versinkt, Neues erscheint

Es ist unwahrscheinlich, daß spätere Generationen die letzten zwölf Monate ein Jahr der großen Entscheidungen nennen werden.

„Über einer Leiche kämpfen?“

Lyndon B. Johnson, der als Meister der Innenpolitik angetreten ist, scheint nicht besonders darauf zu brennen, den vertrauten Boden zu verlassen.

Präsident Saragat

Das weihnachtliche Wahldrama Italiens ist beendet. Nach 21 Wahlgängen hat das Land wieder einen Präsidenten: den 66jährigen Giuseppe Saragat, den Gründer der sozialdemokratischen Partei und bisherigen Außenminister.

Kurs ohne Kompaß?

Die Freie Demokratische Partei hat keine glückliche Geschichte. Ihrem relativ guten Erfolg bei den ersten Bundestagswahlen 1949 (11,9 Prozent) folgte ein Jahrzehnt ständiger Wahlniederlagen.

Paris: Aus der Isolierung heraus

Vom Jahr 1965 erwartet Frankreich, daß die Gefahr der außenpolitischen Isolierung, die sich vor einigen Wochen deutlich auftat, endgültig gebannt wird.

Johnson wartet ab

Um das Kapitol und vor dem Weißen Haus in Washington streben die Tribünen und Gerüste für die Amtseinführung des wiedergewählten Präsidenten Johnson und seines Vizepräsidenten Hubert Humphrey in die Höhe.

Bonn: Näher an Paris?

Die Bonner Politiker blicken an diesem Jahresende in einen düsteren politischen Neujahrshimmel. Die ersten Hoffnungen, die sie an die Einigung über den europäischen Getreidepreis knüpften, sind inzwischen zunehmender Skepsis gewichen.

Was will Wilson?

Winston Churchill sagte einmal: „Ich bin nicht Premierminister geworden, um bei der Auflösung des Empires den Vorsitz zu führen.

Nach einem weiteren Mauerjahr

Zwischen den Jahren ist es in Berlin genauso wie sonst. Morgens früh schon transportiert das alte Radio vier Ost- und sieben Westprogramme ins Zimmer.

Der hörige Mörder

Das Opfer, der 28jährige Bonner Taxifahrer Karl-Heinz Koch, wies elf Stichwunden im Körper auf. Schon beim ersten Stich war die Klinge des Stiletts bis zum Heft eingedrungen und hatte eine Hauptader durchschnitten, die zum Herzen führte.

Auf Schnapswogen

Die dänischen Nachbarn hatten zum Endspurt angesetzt. Die Nachfahren der Wikinger waren wieder zu Hauf an Bord ihrer Schiffe gegangen, auf der Suche nach Alkohol in Schleswig-Holstein – Alkohol in jeder Menge und von jeder Sorte, in Flaschen und Fläschchen; soviel, wie es der dänische Staat nach den Zollbestimmungen zuließ.

Weltpolitik in alten Gleisen

Das Gleichgewicht des atomaren Schreckens hat auch im Jahre 1964 funktioniert. Zwar ist keiner der alten Krisenherde des kalten Krieges ausgetreten worden, weder in Kuba (1) noch in Berlin (2), wo amerikanische und sowjetische Interessen unmittelbar aufeinanderstoßen, weder in Indochina (3) oder im Kongo (4), wo China als selbständiger Machtfaktor neben der Sowjetunion das Kräftespiel um neue Kombinationen bereichert hat.

Afrikas krankes Herz

Die Krise Afrikas war 1964 die Krise am Kongo. Sie wird auch die Krise des neuen Jahres sein. Weder die UN noch die Kongo-Kommission der „Organisation für afrikanische Einheit“ (OAU), weder die Militäraktionen der Amerikaner und Belgier noch die Versöhnungsversuche Tschombes vermochten Afrikas „krankes Herz“ zu kurieren.

Das Dilemma in Vietnam

„Bis zum Jahreswechsel werden wir die meisten Vietkong-Gebiete zurückerobern.“ Derart zuversichtlich und selbstbewußt äußerte sich im März der neue „starke Mann“ in Südvietnam, General Nguyen Khanh.

Zypern-Ruhe vor dem Sturm

Der Welt ist in diesem Jahr das traurige Schauspiel des Bruderkrieges zwischen zwei NATO-Staaten erspart geblieben. Monatelang standen Türken und Griechen bereit, ihren Landsleuten im Bürgerkrieg auf der Mittelmeerinsel Zypern beizuspringen.

Berlins doppeltes Gesicht

Die Bauten im Nachkriegs-Berlin sind Tatsachen, die sich nicht mehr aus der Welt schaffen lassen: drüben die anspruchsvolle Eintönigkeit der Aktivistenpaläste, hüben die Formexperimente von Architekten, die ihren Anschluß nicht in Moskau, sondern bei Gropius, Le Corbusier und Frank Lloyd Wright suchen.

Zeitmosaik

Der Film ist zu einer Warengattung zusammengeschrumpft, deren Wesen darin besteht, immer wieder anzukündigen: „Jetzt kommt der große, brutale, süße und pikante, noch nicht dagewesene Großfilm“, ohne daß etwas kommt.

Kleiner Kunstkalender

Die Nationalgalerie setzt mit Gottfried Schadow, Preußischem Hofbildhauer und Direktor der Königlichen Akademie der Künste in Berlin, „die Reihe der Ausstellungen fort, deren Aufgabe es ist, die fortschrittlichen realistischen Kräfte in der deutschen Kunst des 19.

Brief aus Krähwinkel

Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was wir entdeckten, nachdem Du weg warst. Aus der Küche hatte Pia die Maus tatsächlich verscheucht – durch bloße Anwesenheit, denn sie ist zu klein oder zu satt oder zu vornehm, um zu tun, was die Natur ihr befehlen sollte.

Wenig Kunst und viel Leben

Hermann Kesten hat sich über Gottfried Benn mehrfach ungerecht und töricht geäußert. Aber darf man deshalb so ungerecht und töricht über Hermann Kesten schreiben, wie dies in letzter Zeit manche Kritiker in der Bundesrepublik und in der Schweiz tun? Sein Verhalten in der berüchtigten Mailänder Uwe-Johnson-Affäre Ende 1961 hatte zur Folge, daß viele an der Integrität dieses integren Mannes zweifelten und tatsächlich zweifeln mußten.

Unser Seller-Teller Dezember 1964

Welches die beiden erfolgreichsten Bücher des Jahres sein würden, stand praktisch schon vor drei Monaten fest, und es hat sich nichts mehr daran geändert: „Gantenbein“ und die „Clique“.

Lyrik aus Berlin

Günter Grass las 1962 den in Berlin versammelten 47ern einige Abschnitte aus einem Berlin-Roman von Rolf Haufs vor, die einen zwiespältigen Eindruck hinterließen: das Einerseits-Andererseits, welches das Schicksal der Stadt ist, übertrug sich zwar als thematisches Prinzip auf die Romanteile, konnte jedoch den kritischen Wunsch nach einer klaren Unterscheidung von Modischem und Kunstgerechtem nicht immer zufriedenstellen.

Zu empfehlen

Paul Raabe: „Die Zeitschriften und Sammlungen des Literarischen Expressionismus“ – Repertorium der Zeitschriften, Jahrbücher, Anthologien, Sammelwerke, Schriftenreihen und Almanache 1910–1921; J.

Die „Kollektivschuld“ von 1914

Es ist jetzt drei Jahre her, daß Fritz Fischers Buch über den „Griff nach der Weltmacht“ erschien. Im Anfang wurde das umfangreiche Buch mit seinen vielen Auszügen aus Dokumenten nur wenig beachtet.

Unempfindlich für die Weltmachtidee

Dieses Bild des ersten Kriegskanzlers wird wesentlich noch ergänzt und bereichert durch den Aufsatz von Karl Dietrich Erdmann „Zur Beurteilung Bethmann Hollwegs“ in der Zeitschrift „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht“.

Das Leid der Verratenen

Die Literatur zum Thema Sowjetrevolution scheint unerschöpflich. Dennoch verdient dieses Buch Beachtung, weil es aus der Perspektive des unmittelbar Beteiligten geschrieben ist; es stellt das politische und moralische Testament einer bedeutenden Persönlichkeit aus der Führung der Sozialdemokratischen Partei Rußlands dar.

„Dafür schlage ich mich“

Fischer zitiert auch den Kaiser aus dem Jahre 1913: „Das Kapitel drei, der Kampf der Germanen gegen Russo-Gallien beginnt. Es handelt sich um Sein oder Nichtsein der Germanischen Rasse in Europa.

Unser Kritiker sah:: DIE FLEDERMAUS

Vom zweiten Weihnachtstag bis Silvester hat die Operette Hausrecht sogar auf exklusiven Opernbühnen. Als in Hamburg Rolf Liebermann den Jahr um Jahr geäußerten Abonnentenwünschen nach „unserer lieben Fledermaus“ diesmal nachgab, bedeutete das keinen „Schritt vom Wege“.

Fernsehen: Das Cabinet und das Herz

Am Abend des ersten Weihnachtstages wurde, sieben Monate nach der Premiere, der Recklinghausener „Fiesco“ gezeigt, Heinrich Koch hatte die drei Fassungen des republikanischen Trauerspiels miteinander vereint, hatte (etwas) aus Mannheim und (mehr) aus Leipzig entlehnt, hatte transponiert und gerafft, hier gestrichen, dort, dem Ratschlag Goethes folgend, retuschiert .

Erfolge und Mißerfolge

Ein bitteres Jahr für die Kleine Freihandelszone, ein erfolgreiches Jahr für den Gemeinsamen Markt. Vor zwölf Monaten hat wohl niemand vorausgesehen, daß die wirtschaftspolitische Bilanz für 1964 mit einem derartigen Ergebnis abschließen würde.

Ohne Kommentar

Im Zusammenhang mit den Äußerungen des Reichsbankpräsidenten a. D. Dr.......................................................

So war es...

3. – 11. 7. 1958: Die Weichen für die europäische Agrarpolitik werden in der Konferenz von Stresa (Italien) gestellt: Vermeidung von Überproduktion, gemeinsame Preise als Regulativ, Angleichung oder Beseitigung der Subventionen, Strukturverbesserung durch Rationalisierung, Hebung des bäuerlichen Lebensniveaus auf das vergleichbarer Wirtschaftszweige.

Europa-Jahr Nr. 7

Wenn man an einem Zipfel der Tischdecke zieht, dann wackelt das ganze Geschirr. Mit diesen Worten erläuterte ein prominenter EWG-Beamter die Auswirkungen des Beschlusses über die Angleichung der Getreidepreise vom 1.

Schon abgewertet

Das englische Pfund ist nach wie vor „im Gerede“. Wird abgewertet oder nicht, und wenn ja, wann und wieviel? Die Börse, die seit jeher meint, „die Zukunft vorwegnehmen“ zu können, hat sich auf eine Abwertung von mindestens 10 Prozent festgelegt.

...und so geht es weiter

Am 24. Oktober 1962, noch vor der Englandreise, unterbreitete die Hallstein-Kommission ihr „Aktionsprogramm“ dem Ministerrat und der Öffentlichkeit: „Wenn die Wirtschaft durch die Niederlegung der Handelsgrenzen zwischen den Mitgliedsstaaten in den größeren Wirtschaftsraum integriert wird, so muß auch die staatliche Wirtschaftspolitik der sechs Mitgliedstaaten in diesen größeren Raum integriert werden .

Das mißverstandene Problem

Ist die Quantität oder ist die Qualität der Konzentration – oder ist beides – zu untersuchen? Dies ist die entscheidende Frage, die vor Beginn einer Enquete zu stellen ist, und die sich auch Bundestag und Bundesregierung vor der letzten Enquete hätten stellen müssen.

Schweizer Spezialitäten

Chemie – das ist für den Schweizer gleichbedeutend mit Basel. Die Stadt am Rheinknie, wo sich die Grenzen der Bundesrepublik, Frankreichs und der Schweiz ihr Stelldichein geben, die Stadt, deren Bewohner durch ihren ausgeprägten Bürgersinn und deren Steuerrechnungen durch wohltuende Bescheidenheit auffallen, sitzt wirtschaftlich fest auf den Grundpfeilern einer weltoffenen, erfolgreichen chemischen Industrie.

Die Börse bleibt voller Unruhe

Das Börsenjahr 1964 entsprach nicht den Erwartungen. Zwar hatte niemand mit einer ausgesprochenen Hausse gerechnet, aber doch mit einem Wiederanstieg der Aktienkurse, der über den rund 10prozentigen "Erfolg" des Jahres 1963 hinausgehen würde.

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