Washington, Ende Dezember

Um das Kapitol und vor dem Weißen Haus in Washington streben die Tribünen und Gerüste für die Amtseinführung des wiedergewählten Präsidenten Johnson und seines Vizepräsidenten Hubert Humphrey in die Höhe. Im traditionsarmen Amerika ist der Tag der Inauguration ein Tag nationaler, zeremonieller Weihe, der in einem Volksfest ausklingt. Ein neuer Abschnitt beginnt.

Die Epoche John F. Kennedys ist nun nur noch lebendige Erinnerung, denn was jetzt an Regierungsprogrammen vorgelegt, an außenpolitischen Beschlüssen vorbereitet und vollzogen wird, das wird von Johnson geprägt und nicht mehr in Nachfolgeschaft verwaltet. Auch die Männer und Gesichter haben gewechselt. Von den vierzehn Beratern des Präsidenten im Weißen Haus, die von Kennedy berufen worden waren, sind acht schon ausgeschieden und andere werden folgen. Allerdings: der wichtigste und bedeutendste unter ihnen, McGeorge Bundy, Ratgeber für nationale Sicherheitsfragen und damit Koordinator für Wehr- und Außenpolitik, setzt seine Tätigkeit fort. Aus dem Kabinett sind Justizminister Robert Kennedy Handelsminister Luther Hodges ausgeschieden, Finanzminister Douglas Dillon kehrt ins Bankgeschäft zurück, doch werden Verteidigungsminister McNamara und Außenminister Rusk noch ein oder anderthalb Jahre ausharren.

Alle diese Veränderungen vollzogen sich ohne Aplomb. Johnson vermeidet Schroffheiten und abrupte Veränderungen, wo es geht. Daher hat er auch wissen lassen, er wolle die erdrückende demokratische Mehrheit im Kongreß nicht dazu benutzen, seine gesetzgeberischen Pläne wie eine Dampfwalze über das Kapitol rollen zu lassen. Innenpolitisch ist er nicht darauf aus, wie sein großes Vorbild Franklin Roosevelt in einer Epoche der hundert Tage blitzschnell das Fundament für vier oder acht Jahre zu legen. Er zimmert bedächtig an seinem Gerüst und läßt es vor aller Augen langsam entstehen.

Nach und nach werden die Umrisse erkennbar: Der „Feldzug gegen die Armut“ setzt nicht mit riesigen Ausgaben aus Budgetmittel für öffentliche Aufträge ein, sondern beginnt dort, wo das Übel an der Wurzel gepackt wird – bei der Förderung der öffentlichen Schulen und der Universitäten. Die Verwirklichung des Bürgerrechtsgesetzes, das in manchen Bereichen wie der Zulassung von Farbigen in Gaststätten und im Beherbergungswesen im Süden seit dem Sommer erstaunliche, wiewohl lautlose Erfolge erzielt hat, soll ebenfalls ohne Heraufbeschwören neuer Konfliktsituationen vorangetrieben werden.

Johnson braucht nichts zu überstürzen, denn die Dauerkonjunktur hält an, und nirgendwo schreit ein inneres Problem nach sofortiger Lösung. Aber lange verzögerte, vom Kongreß immer wieder abgebremste soziale Versprechen der Demokraten wie die obligatorische Krankenversicherung für alte Leute – ihr Fehlen ist eine der Ursachen für die übermäßige und oft untragbare Belastung der amerikanischen Familie – können und sollen nun erfüllt werden. Die „Große Gesellschaft“ ist gewiß ein Schlagwort, und eine völlige soziale Begradigung und Ausgeglichenheit wird auch in der Ära Johnson nicht herbeigeführt werden. Doch mag sich manches an dem naivoptimistischen Lebensgefühl Johnsons erfüllen, der nach einem Amerika Ausschau hält, in dem jedermann nach seinen Fähigkeiten vorankommt, und nicht nur in einer großen, sondern auch in einer ästhetisch verschönerten Gesellschaft zu leben weiß.

Bedachtsamkeit wird auch die Außenpolitik kennzeichnen. Schon wurde den Russen mit einer Geste entgegengekommen: der neue Militärhaushalt soll um eine halbe Milliarde niedriger sein als der vorige (die gleiche Kürzung, die auch die Sowjetregierung am Militärbudget vorgenommen hat). Die beiden Weltmächte stabilisieren ihren Ausgleich in kühler Koexistenz, ohne von ihren Ansprüchen etwas aufzugeben. Den Verbündeten und Protegierten wie Südvietnam verkündet Johnson das Rezept des „do it yourself“ – krempelt selbst die Ärmel hoch. Die Vereinigten Staaten, im Stillen tief enttäuscht von den Rivalitäten im Bündnis und der Streitsucht ihrer Schützlinge, ziehen sich um eine Nuance mehr auf sich selbst zurück und werden voreilige neue Engagements in Afrika oder in Asien vermeiden.