BERLIN (Nationalgalerie):

„Gottfried Schadow“

Die Nationalgalerie setzt mit Gottfried Schadow, Preußischem Hofbildhauer und Direktor der Königlichen Akademie der Künste in Berlin, „die Reihe der Ausstellungen fort, deren Aufgabe es ist, die fortschrittlichen realistischen Kräfte in der deutschen Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts aufzuzeigen“. So heißt es im Katalog. Schadow in den unteren Räumen und oben die fortschrittlich realistische Mammutschau „Unser Zeitgenosse“. Sei’s drum. Der eigentliche Anlaß für diese außerordentlich schöne und wichtige Ausstellung war Schadows 200. Geburtstag. 1764 ist er als Sohn eines Schneiders (der Katalog betont seine Armut und daß der Vater nicht das Geld für den zusätzlichen Zeichenunterricht aufbringen konnte) in Berlin geboren. Kein anderes deutsches Museum könnte ihn so umfassend präsentieren. Die Mehrzahl der ausgestellten Skulpturen und Zeichnungen stammt aus dem Eigenbesitz der Nationalgalerie, der Rest kommt aus dem Märkischen Museum (ebenfalls Ostberlin) und aus den Kunstsammlungen von Dresden, Weimar, und Potsdam. Schadow, die Ausstellung zeigt es, ist viel besser und interessanter als sein klassizistischer Ruf. Marmorglätte und idealisierende Pose sind vergleichsweise selten. Die Arbeiten aus seiner schöpferischen Periode – zwischen der Rückkehr aus Rom 1787 bis zur Jahrhundertwende – haben so viel Spontaneität und Lebendigkeit, daß man sie eher mit einem plastischen „Sturm und Drang“ als mit einem Klassizismus Weimarer Prägung in Verbindung bringen möchte. Goethe monierte denn auch den „prosaischen Zeitgeist“ der Berliner Kunst, ihren „Naturalismus mit der Wirklichkeits- und Nützlichkeitsforderung“. Schadow antwortete mit einem Angriff gegen die „in Wolken und Nebel neu aufgesteckte Fahne“ der Weimaraner. „Statt eine bestimmte Kenntnis der Verhältnisse in der Struktur des menschlichen Körpers zu erwerben, überläßt man das meiste dem lieben Gefühl.“ Das heißt: Genauigkeit und Handwerk („Papier ist weech, aber Steen ist hart“, zitiert Fontane den alten Schadow), kräftige Berliner Prosa. Das gilt für den alten Ziethen, das unkonventionellste Generalsmonument, ganz ohne Heroenpathos, und für Schadows Lieblingsmodell, die kleine Marianne Schlegel, und auch für die berühmten Prinzessinnenschwestern Luise und Friederike von 1796/97, Glanzstück der Berliner Ausstellung. Der Vater der Mädchen, Friedrich Wilhelm III., weigerte sich, die Gruppe aufzustellen. Um die Kinnbinde der Kronprinzessin wurde auch außerhalb des Hofes erbittert diskutiert. Sie sei ein kraß realistisches Detail und daher unkünstlerisch. Schadow ging es bei dieser Gruppe weniger um die Lieblichkeit der Mädchen als um ihre Verschiedenheit. Sogar der Unterschied im Faltenwurf offenbart den Gegensatz der Temperamente. Andererseits sind Schadows Genien des Todes, seine Siegesgöttinnen, auch die kniende junge Frau von 1797 schwer zu ertragen, sie stehen weit unter dem Niveau von Canova. Dafür gibt es unter den Zeichnungen hinreißende Blätter, vor allem aus der Frühzeit, gelegentlich auch noch aus den späten biedermeierlich gestimmten Jahren. Die Ausstellung dauert bis Ende März.

HAMBURG (Barlach-Haus):

„Gustav Heinrich Wolff“

Zum erstenmal zeigt das Barlach-Haus, neben der von Reemtsma gestifteten Barlach-Sammlung, einen anderen Bildhauer: Gustav Heinrich Wolff (1888–1934). Wolff ist sehr, und wohl zu Unrecht, in Vergessenheit geraten. Die Ausstellung und das eben erschienene Werkverzeichnis (von Agnes Holthusen sorgfältig aufgestellt, von Alfred Hentzen eingeleitet) wollen ihn, dessen Werke 1937 aus den deutschen Museen entfernt wurden, rehabilitieren. Die vierzig aufgestellten Skulpturen, die rund neunzig Holzschnitte, Metallstiche und Zeichnungen stammen aus den Jahren 1920 bis 1934. Ein durchaus fragmentarisches Werk, mit erstaunlichen Höhenunterschieden. In einer Entwurfskizze von 1926 sind Ideen von Moore vorweggenommen, Wolff hat ihn 1931 in London besucht, dann ging er als Akademieprofessor nach Moskau, enttäuscht und krank kehrte er nach Berlin zurück. Seine „Hommage à Rodin“ ist dagegen schon im Ansatz verunglückt, Rodin war für ihn der falsche Gott. Vorzüglich in ihrer blockhaften Gelassenheit sind die Porträtbüsten von Benn und Nolde. Im Kleinformat gelingen ihm glänzende und witzige Formulierungen („Europa auf dem Stier“ und „Europa auf dem Pferd“). In der „Kallipyge“, aus weißem Marmor, beweist er seine Liebe zum Archaischen, das er als die Alternative zum Expressionismus der zwanziger Jahre begreift. Auch in den Holzschnitten zu und mit den Texten von Homer, Dante, Franziskus und Benn wird die archaische Strenge mit Diskretion und gelegentlicher Ironie in die Gegenwart transponiert. Die Ausstellung endet am 31. Januar. Ein Teil der Arbeiten wird im März bei Dr. Hauswedell in Baden-Baden zu sehen sein. g. s.