Der ghanaische Diplomat, der seit Anfang Dezember im Parlament der 115 Nationen das Szepter schwingt, ist mit seinen vierzig Jahren der bisher jüngste, er ist zugleich der erste schwarzafrikanische, und er ist sicherlich der unter den absonderlichsten Umständen gewählte Präsident der UN-Vollversammlung. Streng genommen ist er nicht gewählt, sondern ernannt worden. Nach dem geheimnisvollen, nur den UN-Beamten ganz verständlichen Ritual des Ämterproporzes am East River mußte für die 19. Sitzungsperiode der Vollversammlung ein Schwarzafrikaner vorgeschlagen werden, nicht irgendein Afrikaner – also kein Vertreter der nordafrikanischen Nationen und erst recht kein Südafrikaner. Es mußte ein ganz waschechter Afrikaner sein, aus einem der jungen Staaten.

Auf Ghana hatte man sich schnell geeinigt, die Kandidatur Quaison-Sackey stand außer Frage, da er sein Land schon fünf Jahre als Delegationschef im Range eines Botschafters in New York vertreten hatte, die Zustimmung der Großen und der Kleinen war gesichert, die nach Kontinenten formierten Fraktionen hatten ihren Segen gegeben – aber die Vollversammlung konnte nicht wählen. Dem stand der ungelöste Streit um die Schulden der Sowjetunion und einiger anderer Staaten bei der UN im Wege.

Wer mit Beitragszahlungen für mehr als zwei Jahre im Verzug ist, verliert laut Artikel 19 der Satzung sein Stimmrecht. Die Amerikaner zeigten sich entschlossen, auf dieser Satzungsklausel zu bestehen, und Außenminister Gromyko – wegen seiner oft düsteren Miene im gespickten UN-Diplomatenjargon auch „Grimmiko“ genannt – gab zurück, Moskau werde keinen Cent und keinen Rubel für die Befriedungs-Unternehmen der UN im Kongo und im Nahen Osten beisteuern, da dies nur getarnte kolonial-imperialistische Abenteuer gewesen seien.

Da aber die Russen und die Amerikaner gar nicht daran denken, die Vereinten Nationen zu sprengen (nur Exilkubaner feuern gelegentlich einen Schuß aus einer Bazooka auf das UN-Gebäude ab), gelang unter den buddhistischgeduldigen Beschwörungen des Generalsekretärs U Thant in vorletzter Minute die Einigungsformel: Abstimmungen werden in der Vollversammlung vorerst umgangen, bis ein Kompromiß im Finanzstreit gefunden wird. Nach Satzung und Geschäftsordnung hätte der Präsident der Vollversammlung zwar wie üblich von den Delegierten geheim gewählt werden müssen, obgleich die Kandidatur feststand und (wie stets) kein Gegenkandidat auftrat.

Alex Quaison-Sackey kann sich jedoch rühmen, der erste Präsident der Vollversammlung zu sein, für den sogar diese Zeremonie unterblieb. Sein Vorgänger nannte seinen Namen und stellte fest, daß sich kein Einspruch erhob, und damit war der Form Genüge getan. „Es gibt nichts, was in den Vereinten Nationen unmöglich ist“, murmelte ein Kenner der Weltorganisation.

Nun präsidiert Quaison-Sackey dieser Sitzungen, in denen nichts beschlossen werden kann und die sich vorerst einmal in einer endlosen Generalaussprache ergehen, weil es ja über nichts abzustimmen gibt. Kein Wunder, daß Spötter die neunzehnte Sitzungsperiode der Vollversammlung schon als „Saison Quackey“ bezeichnet haben.

Der junge hochgewachsene Diplomat nimmt das gelassen hin und schlängelt sich durch die Tücken dieser UN-Krise wie ein Slabmläufer durch die Abfahrtstore. Sein Name leße sich so vokalisch-klangvoll französisch betören, doch wird er breit auf Englisch ausgesprochen. Quaison-Sackey hat von 1949 bis 1952 im Exeter College zu Oxford Philosophie, politische Wissenschaften und Volkswirtschaft studiert. Später setzte er an der Londoner wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät seine Studien im Völkerrecht fort und trat in den Auswärtigen Dienst ein, schon ehe sein Land die Unabhängigkeit errang. Die folgenden Jahre sahen ihn fast auf allen Veranstaltungen der sogenannten nichtgebundenen Länder und der unabhängigen afrikanischen Staaten, in Monrovia, in Addis Abeba, in Belgrad und in Kairo.