Die Freien Demokraten zu Beginn des Wahljahres

Von Karl Hermann Flach

Die Freie Demokratische Partei hat keine glückliche Geschichte. Ihrem relativ guten Erfolg bei den ersten Bundestagswahlen 1949 (11,9 Prozent) folgte ein Jahrzehnt ständiger Wahlniederlagen. Der Niedergang erreichte nach der Spaltung der Bundestagsfraktion und den Abspaltungen innerhalb der Partei im Jahre 1956 bei den Bundestagswahlen 1957 mit 7,7 Prozent der Wählerstimmen den Tiefpunkt. Die fünf Jahre auf den harten Bänken der Nebenopposition fielen dieser noch weithin in bürgerlichen Traditionen befangenen Partei, die sich immer nur als Regierungspartei oder Mitregierungspartei verstehen will, besonders schwer. Der von der Publizistik beschworene Trend zum Zweiparteiensystem schien im Jahre 1958 seine endgültige Bestätigung zu erhalten, als die FDP bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus unter der Fünf-Prozent-Hürde hängenblieb. In diesen Jahren war sie schon ziemlich abgeschrieben.

Doch im stillen wurde die entscheidende Wendung vorbereitet. Die schweren Jahre der Einflußlosigkeit, in denen die FDP weder zur Bildung der Bundesregierung noch für eine die Verfassungsänderung beeinflussende Sperrminorität notwendig war, waren Jahre der Reform. Diese war nur denkbar, weil die bürgerlichen Opportunisten in dieser Zeit in den Hintergrund traten und das Feld jenen meist jüngeren Kräften überließen, die aus grundsätzlicher liberaler Überzeugung am Wiederaufbau der Partei arbeiteten. In diesen Jahren gelang es, das Image der jungen, modernen, liberalen Partei zu entwickeln, die sozial, aufgeschlossen, weltoffen und kampfeslustig über die offiziellen Tabus hinweg einer guten Zukunft entgegengeht.

Der Erfolg blieb nicht aus. Der Segen des Altbundespräsidenten Heuss und Adenauers Versagen nach dem 13. August 1961 förderten die Aufwärtsentwicklung noch. Vier Jahre nach ihrer schwersten Niederlage errang die Partei mit über 4 Millionen Wählern und 12,8 Prozent der Stimmen den größten Erfolg ihrer jungen Geschichte. Nach Jahren der Abnutzung in der Regierungs-Mitverantwortung erfolgte aus der Opposition heraus der Wiederaufstieg.

Dieser Erfolg ist mittlerweile wieder verwirtschaftet worden. Die Wahrnehmung der ersehnten Regierungsverantwortung hat zu einem neuen Abstieg geführt, und er wird noch schwerer aufzuhalten sein als der Niedergang in den fünfziger Jahren.

Konkret gesprochen: Solange die Wandlung der SPD noch im Gange und noch umstritten war, konnte die FDP mit Erfolg versuchen, potentiell liberale Kräfte an sich zu ziehen, die zur SPD tendierten, aber von den Reibungen und dem opportunistischen Anpassungsprozeß der Sozialdemokraten abgestoßen wurden. Seitdem der Wandlungsprozeß in der SPD sichtbar abgeschlossen ist, ist es indessen fast unmöglich geworden, zur SPD gestoßene Liberale wieder zurückzugewinnen. Die FDP hat durch Halbheiten in ihrer Politik eine entscheidende Chance verpaßt. Sie hat viele Wähler, die auf dem Abmarsch von der CDU zunächst bei ihr Station machten, nicht festgehalten.