Berlin

Zwischen den Jahren ist es in Berlin genauso wie sonst. Morgens früh schon transportiert das alte Radio vier Ost- und sieben Westprogramme ins Zimmer. Churchill, Marx, Robespierre, Lincoln und der Staatsrat kreuzen akustisch die Klingen. Eine Schutzmacht feiert Geburtstag: Happy birthday to AFN, you belong to Berlin, may you stay for ever. Gleich nebenan schmettert auch heute das große Grußkonzert „für die Angehörigen unserer bewaffneten Organe“, zwitschern Kinderkehlen wie Kanarienvögel: „Mandihaarwasser, das modernste Haarwasser der Welt.“ Man zieht den Fischgrätmantel an, steckt den Ausweis ein, dazu die fünf Mark zum Umwechseln und begibt sich durch die Linien.

In Sachen Mauer hat man sich mit den Jahren als Transit-Trotter ein bestimmtes Verhalten zugelegt. Auf die frühe, emotionale Phase folgte die rationelle. Schnell, sachlich und von gleich zu gleich will man sich bei den Übergängen von Deutschland nach Deutschland verhalten. Obwohl man sich durchaus nicht gleichberechtigt vorkommt. Der „Angehörige der Grenzorgane“ trägt Uniform und Waffe, er verfügt im Hintergrund über eine Kartei, er kann Aktentasche und Portemonnaie visitieren, „luftdichte Behälter mit Verschluß, der beim öffnen verletzt werden muß“ zurückweisen, Briefe hervorzerren lassen und sie zu lesen versuchen und daraus Konsequenzen ziehen, welche, weiß man nicht. Man balanciert zwischen wütendem Unbehagen und unausrottbarer Untertanenangst einem Apparat gegenüber, den man nicht durchschaut.

Man kann es auch leichtnehmen. Man kann es sogar mit Humor nehmen. Komik macht relativ unanfechtbar. Zeigen darf der Transitfahrer solch schnuppöse Einstellung nicht, sie darf nicht in Verhalten ausarten, muß innere Führung bleiben.

Was auch zur Bestandsaufnahme über Mauerreflexion gehört, ist dies: Daß wohl niemals in den über drei Jahren ein westlicher Besucher Ostberlins beobachtet wurde, der sich anders als „ruhig und zweckdienlich“ verhielt. Unsicherheit, Ärger, Verachtung, Furcht, Haß – sie hat er für sich behalten. Vor den Schranken der bürokratisierten Entzweiung jedenfalls wurde davon kaum etwas erkennbar, kein Wort, keine Geste der „Insubordination“, kein noch so flüchtiges Aufwallen, nicht Protest, Witz, Ironie. Nichts als stummes, schnelles Befolgen von Anweisungen. Auch eine Art, Untertanengehorsam.

Die innere Führung der jungen Männer im Bus zwischen Friedrichstraße und Alex ist heiter. Auf dem Oberdeck ist es voll, neue Fahrgäste steigen die Treppe herauf, einer sagt: „Wir rücken. Will jemand auf meinen Schoß? Es ist zum Abgewöhnen, nächstes Jahr sind keine Bänke mehr drin. Ick warf immer, daß der Waggon mal umfällt.“ Der Schaffner erscheint: „Stehen ist oben verboten.“ Was einer der Herren quittiert: „Glei h’ta ’n Bock!“ Der Schaffner, ein dünnes Männchen mit Brille, aufgeregt: „Behandeln Sie Ihre Kunden am Schalter auch so stur?“ Daß es sich um Postangestellte handelt, wird durch die Antwort bestätigt: „Wir haben keine Meinung von unsern Kunden.“

Der Schaffner rührt an das soziale Gewissen: „Ich kann Ihnen sagen, kennen Sie den Siemer (der siebener Bus)? Der schafft abends zweitausend Fahrgäste weg.“ Darauf der Zwischenruf: „Allet Jrenzjänga.“ „Aber“, trumpft der Schaffner auf, „da ist nicht einer so stur wie Sie.“ Gelächter bei den Jungen rundum. Der BVG-Mann läßt sie seine volle Verachtung spüren: „Sie ham keine Ahnung vom Großstadtverkehr, Sie machen bloß Stempel.“ Er wird aber gleich auf das Trostlose solcher Tätigkeit hingewiesen: „Machen Sie mal den ganzen Tag Stempel.“