Vom Jahr 1965 erwartet Frankreich, daß die Gefahr der außenpolitischen Isolierung, die sich vor einigen Wochen deutlich auftat, endgültig gebannt wird. Da sich General de Gaulle aber nicht anschickt, im Wahljahr seine Verteidigungskonzeption zu ändern, muß das Projekt der multilateralen Atomstreitmacht entweder vom Tisch verschwinden oder eine Form erhalten, in der es kaum noch wiederzuerkennen ist.

Die Diskussion um dieses Projekt und gewisse amerikanische Bemühungen um Frankreich zeigen, daß diese Erwartung nicht aus der Luft gegriffen ist. Bis zur Hoffnung, daß man am Ende des nächsten Jahres auf eine gemeinsame atlantische. Strategie zugehe, versteigt sich freilich niemand. Die zwischen de Gaulle und Außenminister Rusk getroffene Abmachung über eine gemeinsame Zielplanung der amerikanischen Abschreckungswaffen und der force de frappe bedeutet noch nicht, daß man sich auch über den Zeitpunkt des Einsatzes solcher Waffen geeinigt hätte. Unklar ist es obendrein, bis zu welchem Punkt die Rücksichtnahme Johnsons auf de Gaulle gehen wird. Aber die Tatsache allein, daß sich in den letzten Akten und Äußerungen des amerikanischen Präsidenten der Wunsch nach Rücksichtnahme auf de Gaulle ausdrückt, gilt in Paris bereits als ein gutes Zeichen.

Ob es zu einer wirklichen Annäherung kommen wird, kann erst ein Gespräch Johnson – de Gaulle ergeben, mit dem für das Frühjahr oder für den Frühsommer gerechnet wird. Die französische Regierung möchte einem Besuch Johnsons allerdings den Charakter eines außergewöhnlichen Ereignisses geben; einer Europa-Tournee, bei der unter anderem auch ein Besuchstag in Frankreich vorgesehen ist, würde sie dagegen weniger schätzen.

Alles hängt davon ab, wie weit der eine dem anderen die europäischen Partner und deren Rolle in seinem jeweiligen Verteidigungskonzept streitig macht. Wenn sich dafür eine Koexistenz-Formel finden läßt, wird auch die Sonne des Elysée wieder über Europa strahlen. Nach der Einigung über den Getreidepreis müssen zwar noch eine Reihe anderer Entscheidungen des europäischen Agrarmarktes gefällt werden, so die Preisregelungen für Milch, Fleisch, Zucker. Aber die große Hürde ist doch genommen worden, der Punkt, an dem es keinen Rückweg mehr für eine europäische Wirtschaftsordnung gibt, wurde erreicht. Nun muß der politische Überbau dieser Wirtschaftsordnung gezimmert werden.

Premierminister Pompidou hat in seiner Weihnachtsansprache von einer großen Hoffnung für die politische Einigung Europas gesprochen. Er hat nicht auf die offenen Verteidigungsfragen hingewiesen. Man kann daher annehmen, daß sich Paris auf eine Außenminister-Konferenz, die den Fragen der politischen Einigung Europas gelten soll, ohne Vorbehalte einlassen wird. Dennoch sollte man sich nicht täuschen: Bei dieser Konferenz wird Frankreich zuerst danach fragen, ob die Verteidigung nicht zu den Aufgaben gehört, die Europa vor allen anderen lösen muß.

Wenn der französische Außenminister im kommenden Jahr in Ost-Europa einige der Besuche erwidert, die die Regierungen von Bukarest, Sofia, Budapest und Prag in den letzten Monaten in Paris abstatteten, dann folgt er damit nur den Vorstellungen de Gaulles, daß die kommunistische Welt aufgehört habe, ein Block zu sein, und daß man die Auflockerungstendenzen unterstützen müsse. Aber auch mit den Sowjets wird Paris weiter, engen Kontakt halten. Das gehört ebenfalls zur innenpolitischen Taktik des Generals. Die französischen Kommunisten haben, auf Wink Moskaus, de Gaulle schon einige Male nicht den Widerstand entgegengesetzt, zu dem ihre Organisation wohl fähig wäre. Sie haben für die Wahl des Staatspräsidenten, die Ende 1965 fällig ist, zwar noch keine klare Position bezogen. Doch deutet manches darauf hin, daß sie, ohne sich in das Lager de Gaulles zu begeben, eine Wiederwahl des Staatspräsidenten begünstigen wollen, indem sie seinem sozialistischen Gegner ihre Unterstützung versagen.