Die Basler Chemie braucht die Konkurrenz nicht zu scheuen

Von Beat Huber

Chemie – das ist für den Schweizer gleichbedeutend mit Basel. Die Stadt am Rheinknie, wo sich die Grenzen der Bundesrepublik, Frankreichs und der Schweiz ihr Stelldichein geben, die Stadt, deren Bewohner durch ihren ausgeprägten Bürgersinn und deren Steuerrechnungen durch wohltuende Bescheidenheit auffallen, sitzt wirtschaftlich fest auf den Grundpfeilern einer weltoffenen, erfolgreichen chemischen Industrie.

Ihrem Standort hat diese Industrie recht viel zu verdanken. Sie liegt, wie es sich für die Chemie gehört, am Wasser. Sie liegt aber auch in jener Ecke der Schweiz, in der den territorialen Grenzen ein Schnippchen geschlagen werden kann: niemand hindert die Basler Chemiekonzerne, ihre deutschen Tochterwerke einige Minuten vom schweizerischen Hauptsitz entfernt zu unterhalten, im Badischen, etwa in Grenzach oder Lörrach. Und nur wenige Minuten in der anderen Richtung liegen die französischen Tochteranlagen, im Elsaß, beispielsweise in Huningue. So bildet denn die Basler Chemie einen Industriekomplex, der gleichzeitig auf drei staatlichen Territorien steht und vor allem davon profitiert, daß der Geist zollfrei ist. Die deutschen und französischen Auslandstöchter stehen in engster Fühlungnahme mit Leistung und „Know-how“ ihrer Stammhäuser. Und diese nehmen schließlich auch gern in Kauf, einen praktisch zusammenhängenden Werkskomplex zu betreiben, der diesseits der Grenzen auf EFTA-Gebiet und jenseits bereits im Raum der EWG liegt.

Die Chemie, sagt man in Basel, ist ein „forschender Industriezweig“. Das ist denn auch das auffallendste Kennzeichen der Basler Konzerne: Sie geben im Schnitt rund 14 Prozent ihrer Umsätze für Forschungszwecke aus. Bei den deutschen Farben nach folgern sind es bekanntlich „nur“ etwa 5 Prozent. Das sieht dann konkret so aus, daß zwei Konzerne wie etwa die schweizerische CIBA und die deutsche BASF – absolut gesehen – denselben Betrag in die Forschung stecken, obschon der CIBA-Umsatz weniger als die Hälfte der gesamten BASF-Verkäufe ausmacht. Diese Forschungsintensität beruht ganz einfach darauf, daß in Basel das Schwergewicht nicht auf der „Massenchemie“, sondern auf den Spezialitäten liegt, deren Entwicklung naturgemäß von höheren Forschungsaufwendungen abhängt.

Immerhin: die Basler sind mit Recht stolz auf die Forschungsleistungen ihrer eigenen Laboratorien. Man neigt auch gern dazu, die Erfolge auf den Weltmärkten diesen Anstrengungen zuzuschreiben und an entsprechende forschungsbedingte Zwangsläufigkeiten zu glauben. „Nehmen Sie nur einmal unsere derzeitigen Wachstumsraten“, meinte ein leitender Chemiker aus der Basler Pharmazie: „Sandoz steigerte die Umsätze nach dem letzten Halbjahresbericht um 19, und Geigy, wo man in der Forschung vermutlich noch mehr einsetzt, gar um 23 Prozent. Die entsprechenden Wachstumsraten unserer deutschen Konkurrenz sind durchweg geringer.“

Nun sind solche Äußerungen natürlich mit Vorbehalt aufzunehmen. Denn in einzelnen Sparten besteht zwischen der deutschen und der Schweizer Chemie oft eine stillschweigende Arbeitseinteilung. So etwa auf dem wichtigen Gebiet der Farbstoffe, wo bedeutende Auslandsmärkte eindeutig von Bayer, Hoechst oder BASF beherrscht werden, jene 5 Prozent aber, welche die ganz reinen und teuren Farben betreffen, den Schweizern vorbehalten sind. Man bleibt also auch hier bei den Spezialitäten, bei den Produkten höchsten Veredlungsgrades, und fährt offensichtlich gut damit. Das drückt sich in einer „freundnachbarlichen“ Haltung gegenüber der deutschen Konkurrenz aus. Zur Illustration: Im obersten Stockwerk des Geigy-Hochhauses an der Basler Schwarzwaldallee hängt im Konferenzraum ein prachtvoller Picasso – ein Geschenk der BASF an den guten Nachbarn.