Einen mächtigen Sturm, der im deutschen Haus viele welke Blätter fallen lassen werde, prophezeite Bundesinnenminister Schröder im Frühjahr 1964. Der Sturm kam, wenn auch aus anderer Richtung, und fast hätte er Schröder selbst hinweggefegt.

„Ende gut, alles gut“ – fand Bundeskanzler Erhard am Ende dieses für ihn so enttäuschenden Jahres. In der Tat hatte er mit der Senkung des Getreidepreises bei der EWG-Konferenz in Brüssel einen so sichtbaren politischen Erfolg davongetragen, daß selbst sein alter Widersacher Adenauer des Lobes voll war. Aber andere außenpolitische Fortschritte hatte er nicht aufzuweisen.

Trotz zweimaligen Anlaufs hat Erhard weder die politische Einigung Europas vorangetrieben noch den General de Gaulle von seinem antiamerikanischen, integrationsfeindlichen Kurs abgebracht. Das Stirnrunzeln des Generals war das Einsatzzeichen für die „deutschen Gaullisten“, mit vereinten Kräften über Schröder (und auch über Erhard) herzufallen. In vorderster Linie führten Franz Josef Strauß und die Leitartikler des „Bayernkurier“ und „Rheinischen Merkur“ die Stoßlanzen, im zweiten Glied folgten Adenauer, Dufhues, Guttenberg und Krone und schließlich auch noch Gerstenmaier.

Doch der Kanzler hielt treu zu seinem Minister, und Schröder selbst konnte alle Angriffe elegant parieren. Aber kaum hatte der Kanzler die eigenen Reihen wieder geschlossen, da bereiteten ihm die Koalitionspartner von der FDP neue Kopfschmerzen. Einmal ging der Streit um die Sozialpolitik, dann wieder um die Deutschland-Politik, für die der FDP-Vorsitzende Mende als gesamtdeutscher Minister verantwortlich zeichnet.

Auch die so oft beschworene Solidarität der Bundesregierung mit dem Berliner Senat geriet zeitweilig in Vergessenheit, nachdem eine Passierscheinregelung zu Ostern wegen Bonner Bedenken ausgeblieben war. Einen Monat lang schien es, als sollte der Bundestagswahlkampf jetzt schon beginnen.

Doch die SPD ließ sich nicht zum offenen Schlagaustausch verleiten, sondern gab sich als zum Regieren (oder Mitregieren) berufene Partei. Zusammen mit der CDU sicherte sie die Wiederwahl Heinrich Lübkes zum Bundespräsidenten. Diese Taktik der SPD zahlte sich in erheblichen Stimmengewinnen bei den Kommunalwahlen in fünf Bundesländern aus.

Willy Brandts größter Erfolg war das neue Passierscheinabkommen mit der DDR, für das er schließlich doch die Zustimmung der Bundesregierung erlangen konnte. Aber Bonn setzte auch aus eigener Initiative die Politik der kleinen Entspannungsschritte nach Osten fort. Gemeinsam wollten DDR und Bundesrepublik die Autobahnbrücke an der Saale wieder ausbauen. Der Plan eines Handelsvertrages mit, Peking mußte zwar vorläufig auf amerikanische Bitten hin aufgeschoben werden, aber nach Sofia wurde eine Handelsmission entsandt. Zu guter Letzt wurde der sowjetische Ministerpräsident Chruschtschow nach Bonn eingeladen, und diese Einladung gilt auch für seine Nachfolger Kossygin und Breschnew. Die Wiedervereinigung jedoch kam die Bundesrepublik um keinen Schritt näher.