Lyndon B. Johnson, der als Meister der Innenpolitik angetreten ist, scheint nicht besonders darauf zu brennen, den vertrauten Boden zu verlassen. Am Anfang seiner Präsidentschaft, als noch die Gesetze der Schonfrist galten, war dies natürlich. Heute, mehr als ein Jahr später, gewinnt sein außenpolitisches Zögern kennzeichnende Bedeutung.

Was die Allianzpolitik anlangt, so wird ein starker Führungswille Washingtonsimmer weniger erkennbar. An seine Stelle tritt ratloses Abwarten. Sicher spielt das westliche Bündnis in Johnsons begrenzten außenpolitischen Plänen schließlich doch noch die erste Rolle, aber soviel läßt sich heute gewiß sagen: Statt Kennedys Idee vom atlantischen Grand Design ist es heute viel eher die Idee von der amerikanischen Great society, die im Weißen Haus Priorität hat.

Die Neigung Johnsons, eher nach innen zu wirken als nach außen, mag durch ein gut Teil Resignation bestimmt sein. Und der Präsident, gerade dieser Präsident, reflektiert dabei offenbar die Meinung der allermeisten amerikanischen Bürger. Dies gilt besonders für jenes Land, in dem die USA mit Prestige, Material und Geld bisher mehr engagiert waren, als sonstwo auf der Welt: für Südvietnam.

Wenn es stimmt – und alle Schätzungen stimmen darin überein –, daß Washington 1,5 Millionen Dollar pro Tag an Militär- und Wirtschaftshilfe in diesen Teilstaat des alten Indochina hineinpumpt, dann bedeutet das, daß die amerikanischen Steuerzahler für jeden Bewohner Südvietnams jährlich über 140 Mark aufzubringen haben. Und wofür?

Die amerikanischen Offiziere und Soldaten in Südvietnam – es gibt mittlerweile 23 000 sogenannte Militärberater – erlitten Woche für Woche Verluste – zuletzt, als Weihnachten ein US-Truppenhotel in Saigon in die Luft gesprengt wurde. Die Vietcong-Guerillas, die ganz präzis nach den Weisungen des nordkoreanischen Generals Giap (der vor zehn Jahren die französischen Truppen in die Knie zwang) ihren Dschungelkrieg führen, haben schon fast das ganze Land unter Kontrolle. Derweil streiten sich in der eingekesselten Hauptstadt Saigon die militärischen mit den zivilen Führern.

Beim sechsten Putsch in vierzehn Monaten hat eine junge Generalsclique den Nationalrat abgesetzt, weil er angeblich zu sehr unter dem Einfluß der oppositionellen Buddhisten stand. Der amerikanische Botschafter Taylor, der auf Anweisung Washingtons die zivilen Regierungskreise stützen soll, hat sich daraufhin mit den Generälen, den „Jungtürken“, überwerfen. Und die US-Regierung hat alle Gespräche über künftige militärische, und wirtschaftliche Hilfeleistungen unterbrochen, um auf die Putschisten einen Druck auszuüben. Die jüngste Anweisung aus dem Pentagon besagt sogar, daß die amerikanischen Militärberater jede Art von langfristiger Verteidigungsplanung einstellen sollen.

Freilich erscheint es unwahrscheinlich, daß dieses Druckmittel gegenüber einem Verbündeten, dessen angebliche Zentralautorität nurmehr eine Farce ist, noch fruchten könne. Darf aber Amerika ein Land, dem es nominell eben doch verbündet ist, ganz einfach seinem Schicksal überlassen? Schon hat die Washington Post in einem Leitartikel geschrieben: „Wir werden mit schwerem Herzen abziehen, denn die Unterwerfung des unglücklichen Volkes von Südvietnam unter die Kommunisten scheint unausweichlich zu sein. Nationale Ehre und nationales Prestige zwangen uns zu helfen. Aber weder Ehre noch Prestige gebietet, daß wir darin fortfahren, wenn es klar wird, daß diese Hilfe zwecklos ist.“