Dieses Bild des ersten Kriegskanzlers wird wesentlich noch ergänzt und bereichert durch den Aufsatz von Karl Dietrich Erdmann „Zur Beurteilung Bethmann Hollwegs“ in der Zeitschrift „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht“. Auch von diesem Aufsatz kennen die Leser der ZEIT schon einige Teile, seine ganze Bedeutung für die Wissenschaft und das Geschichtsbild der Deutschen erschließt sich naturgemäß erst bei der Lektüre des gesamten Textes. Erdmann hat das Glück gehabt, daß er Einblick nehmen konnte in die Tagebücher des Vertrauten von Bethmann, Kurt Riezlers. Riezler hat Bethmann aus der Nähe gesehen und ihn sorgfältig beobachtet. Seine Urteile bestätigen das Bild, das die Akten und andere Erinnerungen geben. „Das Grau seiner (Bethmanns) Persönlichkeit ist ohne Leuchtkraft“; oder „Er hat gar nichts Gewinnendes, außer bei sehr gutem Wein, Musik und sehr guten Gesprächen, aber sehr viel innerlich Verpflichtendes“.

Erdmann meint, man erschrecke, wenn man Riezlers Eintragung vom 27. Juli 1914 (vier Tage vor der Kriegserklärung an Rußland) lese: „Der Kanzler sieht ein Fatum, größer als Menschenmacht, über der Lage“ Europas und über unserem Volke liegen.“ Wer mit so tiefem Fatalismus die Welt sieht, kann schwerlich das Unheil des Krieges vermeiden. Wer die Katastrophe für sicher hält, hat nicht mehr genügend Kräfte, sie abzuwenden. Wäre nicht der leichtsinnige Bülow doch besser am Platze gewesen in diesem Monat? Aber wer so urteilt oder fragt, sagt damit zugleich auch aus, daß es gewiß nicht der Wille zur Weltmacht war, der den Kanzler bestimmte.

Dann finden sich (ähnlich wie bei Zechlins Entdeckungen) kluge Worte von großer Unbefangenheit, in denen der konservative Kanzler, erschrocken über die Blindheit seines Standesgenossen, die Linke für die einzig mögliche parlamentarische Grundlage einer vernünftigen Außenpolitik erklärt.

Unabhängig von Zechlin ist auch Erdmann zu der Überzeugung gekommen – und er belegt sie mit Auszügen aus Riezlers Tagebüchern –, daß Bethmann Hollweg, als er das Kriegsrisiko einging, von vornherein mit einem allgemeinen Kriege gerechnet habe. Er wünschte ihn nicht, er hoffte immer noch, ihm auszuweichen, die Entente auseinanderzumanövrieren. Aber er fürchtete, wenn er Österreich nicht unterstützte, könne es in das Lager der Westmächte übergehen, und dann stehe Deutschland ganz vereinsamt da. Er sah die schweren Schatten, die über Deutschland lagen. Am 14. Juli sprach er davon, daß die Aktion einen „Schritt ins Dunkle“ bedeute. Das ist wieder Pessimismus, der die Entschlußkraft lähmen mußte. Aber spricht so jemand, der den Griff zur Weltmacht tun will?

Erst als der Krieg da war, tauchten bei Bethmann Gedanken auf, die auf den Ausbau der Machtstellung Deutschlands zielten. Erdmann sagt: „Sie sind ein Produkt des Krieges, sie gehören nicht zu seiner Verursachung.“ Aber auch die vergrößerte Machtstellung Deutschlands sollte auf Mitteleuropa beschränkt bleiben. Bethmann war unempfindlich für die Faszination der Weltmachtidee. Riezler berichtet nicht ohne Zeichen der Verstimmung, für Bethmann sei ein deutsches Weltreich eine unsinnige Vorstellung. Dieser Enkel der alten deutschen Humanitätskultur fürchtete von einem deutschen Totalsiege die Zerstörung des deutschen Geistes zugunsten des Deutschen Reiches.

Tiefe Gedanken, über die man lange nachdenken mag. Wenn wir von ihnen heute lesen, erkennen wir wieder den tiefen inneren Widerspruch, der das Wesen des Kanzlers kennzeichnete. Er sollte das Reich im Kampfe gegen eine Welt von Feinden führen und war doch von schweren Sorgen und Zweifeln gequält. Daß er gegen enge und harte Männer wie Ludendorff unterliegen mußte, ist nach solchen Selbstzeugnissen noch verständlicher als früher. Aber es bleibt bestehen, daß er der ungeheuren Aufgabe immer noch eher gerecht wurde als die Männer, die nach seinem Sturze Deutschland regierten. Und es bleibt der Eindruck einer ungewöhnlichen menschlichen Vornehmheit. Wie Erdmann es in seinem Schlußsatz ausdrückt: „Er war gekennzeichnet durch den Adel eines Handelnden und zugleich Wissenden, der Macht verwaltete, ohne der Macht verfallen zu sein.“

Paul Sethe