London, Ende Dezember

Winston Churchill sagte einmal: „Ich bin nicht Premierminister geworden, um bei der Auflösung des Empires den Vorsitz zu führen.“ Harold Wilson ist nicht Premierminister geworden, um bei der Auflösung des Commonwealth den Vorsitz zu führen. Als „Defaitisten und Zyniker“ tat er am 16. Dezember im Unterhaus jene Engländer und Ausländer ab, die das Commonwealth schon lange als bloße Illusion betrachten.

In dieser wichtigen Rede lautete der wichtigste Absatz: „Ich war froh, in Washington feststellen zu können, wie sehr die Vereinigten Staaten unsere einzigartige Rolle als Welt-Friedensmacht anerkennen. Ich weiß, daß sie die Wichtigkeit der Stützpunkte anerkennen, die wir im Notfall zur Verfügung stellen können, einfach weil wir dort sind. Unsere maritime Tradition, unser Ansehen, unsere Beweglichkeit trotz ungenügender Ausrüstung, vor allem unsere Commonwealthgeschichte und unsere Verbindungen – all das bedeutet, daß Großbritannien für die Allianz und für die Rolle der Weltfriedenserhakung einen Beitrag leisten kann wie kein anderes Land, Amerika nicht ausgeschlossen.“

Mit diesem Glaubensbekenntnis rechtfertigt Harold Wilson seine Meinung, daß Großbritannien nicht daran denken kann, in Europa aufzugehen.

Er bekennt sich – ohne irgendwelche Vorbehalte à la Douglas Home – zur Stärkung der UN, bis sie eine wirkliche Weltpolizeirolle spielen kann. Er glaubt, daß alles getan werden muß, um die Abrüstung voranzutreiben, auch wenn keines Menschen Glaube groß genug sein sollte, diesen Berg zu versetzen. Aber die fernen Ziele können nicht erreicht werden, wenn das nächste, dringendste nicht erreicht wird: zu verhindern, daß noch mehr Länder in den Besitz von Atomwaffen kommen. „Wir sind gegen mehr Finger am Drücker; wir erstreben mehr Finger an der Sicherung.“

Dieser Satz aus Wilsons Rede erklärt die wesentlichen Züge seiner ANF-Politik. Als er in der Downing Street einzog, gab es nur den MLF-Plan, der geeignet schien, Bonns Ansprüche auf nukleares Mitspracherecht und – noch wichtiger – das Streben nach einer unlösbaren Verflechtung der Vereinigten Staaten mit europäischen Verteidigungsinteressen zu befriedigen. Es war ein Plan, über den Verteidigungsminister Denis Healey im Unterhaus sagte: „Wir standen vor der bitteren Wahl zwischen dem Beitritt zur MLF oder der Entstehung einer amerikanisch-deutschen Nuklear-Allianz. Darum sind unsere Vorschläge von unseren Alliierten so gut aufgenommen worden. Sie sind genauso wenig erpicht darauf wie wir, auf den Hörnern dieses Dilemmas aufgespießt zu werden.“

Die ANF bedeutet für Harold Wilson nicht eine zusätzliche Garantie zur Sicherung Europas; da die Verläßlichkeit der USA für ihn ein Axiom ist, bedarf es dessen nicht. Die ANF bedeutet für ihn eine Garantie gegen die Verbreitung von Kernwaffen. Darum seine Forderung nach einem permanenten amerikanischen Veto. Nur so, glaubt er, können die Russen überzeugt werden, daß es sich wirklich nicht um mehr Finger am Drücker handelt, sondern – da ja auch die anderen Mitglieder getrennt oder gemeinsam ein Veto ausüben würden – um mehr Finger an der Sicherung.