Das Gleichgewicht des atomaren Schreckens hat auch im Jahre 1964 funktioniert. Zwar ist keiner der alten Krisenherde des kalten Krieges ausgetreten worden, weder in Kuba (1) noch in Berlin (2), wo amerikanische und sowjetische Interessen unmittelbar aufeinanderstoßen, weder in Indochina (3) oder im Kongo (4), wo China als selbständiger Machtfaktor neben der Sowjetunion das Kräftespiel um neue Kombinationen bereichert hat. Zwar haben neue internationale Krisen, wie der Konflikt zwischen Griechen und Türken um Zypern (5) oder die Konfrontationspolitik Sukarnos gegen Malaysia (6) die Gefahrenstellen vermehrt. Aber alle diese Krisen vermochten nicht die Politik der kleinen Entspannungsschritte in Ost und West zu stören.

Unabsehbare weltpolitische Folgen für die Zukunft hat freilich die Explosion der ersten chinesischen Atombombe (7) heraufbeschworen. Der chinesisch-sowjetische Konflikt (8) wurde bis nahe an den Bruch getrieben; Moskau (9) konnte auch nach Chruschtschows Sturz den Desintegrationsprozeß im Ostblock nicht aufhalten.

Ebensowenig hat Washington die Risse im westlichen Bündnis (10) verdecken können, die infolge der Unnachgiebigkeit de Gaulles noch schärfer geworden sind, auch wenn die Getreidepreisregelung in Brüssel den Zusammenbruch der EWG (11) verhindert hat. Der Ehrgeiz des Generals, Paris (12) zu einem neuen Kraftzentrum der Weltpolitik zu erheben, trug in China, Südostasien, Osteuropa und in Lateinamerika neue Früchte.

Weniger glücklich war der Versuch des ägyptischen Präsidenten Nasser, von Kairo (13) aus, dem Tagungsort einer afrikaninischen, einer blockfreien und zweier arabischer Gipfelkonferenzen, das Solidaritätsgefühl in der Dritten Welt zu stärken.

Innerhalb der arabischen Welt hat Nasser immerhin eine gemeinsame Front gegen Israel (14) aufgebaut und mit Erfolg den Haß gegen England geschürt, das seine Position in Südarabien (15) verteidigen muß. Aber er konnte weder den ideologischen Streit mit der Baath-Partei in Syrien (16) aus der Welt schaffen, noch im jemenitischen Bürgerkrieg (17) den Interessengegensatz zum Königreich Saudi-Arabien überspielen. Erst recht nicht hat sein Plan für eine Union zwischen Ägypten und dem Irak die Kurden (18) beschwichtigen können, die für ihre Autonomie weiterkämpfen.

Innerhalb Afrikas hat Nasser im Bunde mit Ben Bella und Nkrumah gegen die kongolesische Regierung Tschombé, die als Symbol des Neokolonialismus gilt, eine harte Politik durchsetzen können. Vom Ideal eines geeinten Afrikas jedoch sind die jungen Nationen noch weit entfernt; Manchmal schien es in diesem Jahre, als sollten grausige Stammesfehden, wie in Ruanda (19) und im Kongo, Rassenkonflikte wie im Sudan (20) oder konfessionell gefärbte Grenzstreitigkeiten wie in Somalia (21) den Kontinent in einen Zustand der „Balkanisierung“ versinken lassen.

Die innere Stabilität ließ bei vielen Staaten zu wünschen übrig. Nach den Revolten und Meutereien in Tanganjika (22), Uganda (23), Kenia (24) und Gabun (25), zu denen die Revolte auf Sansibar (26) das Signal gab, mußten die einheimischen Regierungen britische oder französische Truppen zu Hilfe rufen, um die Staatsordnung aufrechtzuerhalten. Englands Funktion als Ordnungsmacht im Commonwealth wurde jedoch durch das Regime der weißen Siedler in Rhodesien (27) in Frage gestellt, die sich weigerten, der schwarzen Mehrheit die Regierung zu überlassen, wie es in den neuen Nachbarstaaten Sambia (28) und Malawi (29) inzwischen vorexerziert wurde. Mit polizeistaatlichen Gesetzen und konsequenter Apartheid-Politik antwortete Südafrika (30) auf die Opposition innen und außen; mit Waffengewalt schlugen die Portugiesen in Angola (31) und Mozambique (32) Aufstände nieder.