Von Marcel Reich-Ranicki

Hermann Kesten hat sich über Gottfried Benn mehrfach ungerecht und töricht geäußert. Aber darf man deshalb so ungerecht und töricht über Hermann Kesten schreiben, wie dies in letzter Zeit manche Kritiker in der Bundesrepublik und in der Schweiz tun? Sein Verhalten in der berüchtigten Mailänder Uwe-Johnson-Affäre Ende 1961 hatte zur Folge, daß viele an der Integrität dieses integren Mannes zweifelten und tatsächlich zweifeln mußten. Aber darf man deshalb seine außerordentlichen Verdienste um die deutsche Literatur verschweigen?

In jener Zeit, da in Deutschland-Bücher und Menschen verbrannt wurden und manche, die helfen konnten, es vorzogen, untätig zu bleiben, hat Kesten, selber ein Vertriebener, das Leben vieler deutscher Schriftsteller gerettet. Darf man das so rasch vergessen?

Viele publizistische Arbeiten Kestens scheinen mir bedenklich und sogar gefährlich zu sein. Ich fürchte seine Einseitigkeit. Daher hielt ich es für nötig, gegen diese Arbeiten bei verschiedenen Gelegenheiten nachdrücklich zu protestieren. Indes glaube ich, daß wir diejenigen, die Kesten mit unverhohlener Schadenfreude attackieren und deren Integrität keineswegs als sicher gelten kann, noch mehr fürchten müssen.

Der Fall Hermann Kesten – denn wir haben es längst eben mit einem Fall zu tun – ist symptomatisch: Er erinnert uns an die Kluft, die trotz mancher redlicher Bemühung die Schriftsteller, die im Exil waren und es meist immer noch sind, von der neuen deutschen Literatur und häufig auch vom deutschen Publikum trennt.

Nie wird diese Kluft ganz überbrückt werden. Doch sollte man nichts unversucht lassen, um sie zu verringern. Und nichts vermag hierzu mehr beizutragen als die Veröffentlichung von Dokumenten, die dem heutigen deutschen Leser vergegenwärtigen können, wie sich das literarische Leben in der Emigration abgespielt hat. Ein solches, höchst ungewöhnliches Buch haben wir jetzt erhalten:

"Deutsche Literatur im Exil" – Briefe europäischer Autoren 1933–1949, herausgegeben von Hermann Kesten; Verlag Kurt Desch, München; 380 S., 19,80 DM.