Von Goronwy Rees

Deutschland hat der Welt in diesem Jahrhundert so viele verschiedene Gesichter geboten, daß es Ausländern oft schwerfällt, sein wahres Antlitz zu erkennen. Sogar heute wird Deutschland von zwei Staaten verkörpert, die auf völlig unvereinbaren Prinzipien beruhen. In welchem von beiden findet Deutschland seinen eigentlichen Ausdruck? Vielleicht in keinem? Oder sind beide auf ihre Weise notwendig, um die Gesamtheit dessen zu enthüllen, was Deutschland wirklich ist?

Den Engländern bereiten diese Fragen Kopfzerbrechen. Sie glauben instinktiv an die Kontinuität der Geschichte, an ihre langsame Entwicklung von Präzedenzfall zu Präzedenzfall, an den beständigen Einfluß gewisser historisch gewordenen Institutionen wie der Monarchie, des Parlaments, der Kirche, des überlieferten Rechts. Den Briten erscheinen die Deutschen als ein Volk, dessen Geschichte sich ewig in heraklitischem Fluß befindet und nichts anderes hervorbringt als Unheil und Katastrophen. Was soll ein Engländer zum Beispiel von einem 60jährigen Deutschen halten, der in seinen sechzig Lebensjahren unter vier völlig verschiedenen politischen Ordnungen gelebt hat – wovon drei im Chaos endeten?

Solche Erfahrung ist den meisten Engländern so fremd, daß sie sich davon abzuwenden trachten und ihr Unverständnis unter einer mehr oder minder höflichen Maske der Gleichgültigkeit verbergen. Wenn ein Brite an andere Völker denkt, so bedient er sich dabei gern einfacher nationaler Stereotypen, und je getreulicher die jeweiligen Ausländer die Rolle spielen, in die sie durch diese Stereotypvorstellungen gedrängt werden, desto besser findet er das. Aber die Deutschen? Sie sind den Briten in so vielen verschiedenen Gestalten entgegengetreten...

Da war das Land der Dichter und Denker, welches Coleridge liebte; da war das Deutschland Carlyles, der seine Staatsmänner als Helden verehrte; da war das Deutschland Wilhelms II., das der gepanzerten Faust und der schimmernden Wehr; da war Weimar, das Land der Freiheit, der kulturellen Experimentierfreude, der Inflation und der Arbeitslosigkeit. Und da war schließlich Hitler, eine Erscheinung so jenseits allen Begriffsvermögens, daß die Engländer eigentlich nicht glauben können, daß es ihn je gegeben hat – und wenn sie es dennoch zu glauben vermögen, so geben sie – wie Professor A. J. P. Taylor – vor, daß er alles in allem doch nur ein Staatsmann wie andere gewesen sei. Und dann kam Dr. Adenauer – und Walter Ulbricht.

Die Briten empfinden dies als irrsinnig gewordene Geschichte; sie goutieren es nicht und denken daher am liebsten nicht darüber nach. Man kann wohl sagen, daß es in England niemals in der jüngsten Geschichte weniger Interesse für Deutschland oder deutsche Angelegenheiten gegeben hat als in der Gegenwart. Das zeigt sich am deutlichsten an dem ungeheuren Strom der Reisenden, die England jeden Sommer in Richtung Kontinent verlassen: nur ein winziges Rinnsal fließt davon nach Deutschland. Die Briten fahren nach Spanien, nach Frankreich, nach Italien, in die Schweiz, nach Griechenland und auch nach Österreich. Wenn sie zurückkehren, dann haben sie etwas von den Sitten dieser Länder gelernt und debattieren und diskutieren eifrig über völkische und nationale Differenzen, über deren unterschiedlichen Lebensstandard, über die Kaufkraft der Peseta, des Franc und der Lira. Deutschland indessen, so will es scheinen, kommt in den Erzählungen der Reisenden nicht vor.

Noch bedeutsamer ist vielleicht, daß die Jugend, die in England wie anderswo an fremden Ländern leidenschaftlich interessiert ist, sich der Existenz Deutschlands kaum bewußt ist – es sei denn als eines Landes, das irgendwie ungeschlacht, nicht fashionable, nicht „chic“ ist. Die Jugend kauft französische oder amerikanische Schlagerplatten; sie drängt sich zu französischen, italienischen, schwedischen oder polnischen Filmen in die Kinos; sie liest – wenn sie überhaupt liest – Sartre, Moravia, Burroughs, Beckett. Aber es ist selten, daß sie geistige Investitionen in Deutschland macht, wenn man von ein bißchen Brecht absieht.