FÜR den Sammler moderner Literatur; für jeden, der sich mit dem Gedanken trägt, eine Dissertation oder einen Aufsatz über expressionistische Literatur zu schreiben (und wer trüge sich, angesichts ihrer modischen Beliebtheit, nicht mit dem Gedanken?) –

Paul Raabe: „Die Zeitschriften und Sammlungen des Literarischen Expressionismus“ – Repertorium der Zeitschriften, Jahrbücher, Anthologien, Sammelwerke, Schriftenreihen und Almanache 1910–1921; J. B.Metzletsche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart; 264 S., 16 Abb., 29,50 DM.

ES ENTHÄLT eine Auswahl (182 Nummern) aus den Ephemeriden dieses entscheidenden, aber nicht genug entscheidenden Jahrzwölfts, das ein Ende und ein Anfang war – beides, der Bruch mit der Vergangenheit und der Ansatz einer neuen Zeit, nur mit halber Kraft. Dieser Catalogue raisonné enthält eine kurze Charakteristik der einzelnen Publikationen, Notizen über die Erscheinungsdaten, Auflagenhöhe (manchmal sehr interessante Zahlen) und die meist kurze Lebensdauer; ein Verzeichnis der Mitarbeiter – sehr nützlich wäre die Nennung der wichtigsten Beiträge gewesen, aber dazu reichte der Raum nicht – und eine ganz vortreffliche Einleitung des Herausgebers.

ES GEFÄLLT, weil es die erste moderne Bibliographie dieses Spezialgebietes ist und, ergänzt etwa durch den Ausstellungskatalog „Expressionismus“ (Schiller-Nationalmuseum, Marbach 1960), einen Überblick über diese schwer zugänglichen und im Buchhandel kostspieligen, oft überhaupt verschollenen Publikationen gibt, in denen der Komet des Expressionismus seine Bahn deutlicher abzeichnete als in den Buchveröffentlichungen – namentlich sein Werden und sein jähes Erlöschen. Es steckt viel pathetische Abgeschmacktheit und unfreiwillige Komik in den Programmen, mit denen sich eine neue Zeit ankündigte, die meist eine neue Zeitschrift war und nach ein paar Nummern einging. Aber eine gewisse Dreistigkeit des Auftretens, eine Ruppigkeit des Tonfalls, die sich damals zum erstenmal bemerkbar machten, hat sie der Nachwelt vererbt. Der Politik war der Expressionismus weit weniger verschrieben, als man sich heute einbildet, und auch das eher literatenhaft und ohne rechtes Verständnis der inneren und der Weltsituation, gegen die er protestierte. Literatur als Protest ist immer in der Zwickmühle: Entweder hört sie auf, Literatur zu sein, oder zu protestieren. Die bedeutendsten Expressionisten waren keine; seine radikalsten Feuergeister aber gingen bald hin und schrieben Erfolgsromane und Kassenstücke. Warum sich unsere Zeit dem Expressionismus so nahe fühlt, es wäre denn wegen seines Hangs zur Koterie und seiner Kurzlebigkeit, ist nicht recht ersichtlich, aber vielleicht ist diese Verwandtschaft überhaupt eine Erfindung der Klappentexter. E. S.